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Trotz Apherese mitten im Leben

Ein Freitagmorgen, kurz vor sechs Uhr. Vor der Tür des via medis Ärztezentrums in Braunschweig ist trotz der frühen Uhrzeit viel los. Zwei Männer gehen aufeinander zu und begrüßen sich schon von weitem wie alte Freunde: Matthias Ungerer und Thomas Pohl. Beide wollen in das Ärztezentrum zur Blutwäsche (Apherese).

„Thomas und ich gehören hier zur sogenannten Freitags-Frühschicht“, sagt der groß gewachsene 44-Jährige. Er gehört zu den ersten Patienten im Zentrum und  geht schon seit 20 Jahren regelmäßig zur Apherese. Er leidet an zwei schwerwiegenden genetisch bedingten Erhöhungen von Blutfettwerten. Im Behandlungsraum geht er auf eine der Liegen zu und bedeckt sie mit einem mitgebrachten Laken. Thomas Pohl nimmt die Liege direkt neben ihm. Unterdessen bereiten die Krankenschwester und die Arzthelferin die Apherese vor. Sie legen auf jeden Beistelltisch zwei sterile Verbindungsleitungen, eine mit Heparin gefüllte Spritze und das individuelle Behandlungsprotokoll, in das sie im Verlauf der dreistündigen Apherese die Patientenwerte eintragen.

„Ich fliege heute noch nach Griechenland in den Urlaub“, erzählt Matthias Unger. Das Plaudern lenkt ihn ein wenig von dem ab, was jetzt bevorsteht: Nämlich an die Maschine angeschlossen werden. „Das finde ich auch nach 20 Jahren noch schrecklich“, gibt er offen zu. Er schaut weg und hält die Luft an, als die Krankenschwester die Kanüle in den Shunt im linken Arm legt. Thomas Pohl neckt seinen Nachbarn: „Bist halt unser Weichei hier.“ Matthias Unger lächelt und packt mit der freien rechten Hand seinen Laptop aus. Er ist Vertriebsmanager eines großen Telekommunikationsunternehmens und nutzt die Zeit an der Apherese zum Arbeiten.

Bevor die Krankenschwester jetzt bei Thomas Pohl den Shunt punktiert, wird Blutdruck gemessen. „120 zu 70“, sagt sie. „So gut ist der sonst nie“, freut sich der sportliche Manager. Er lässt die Prozedur der Punktion ruhig über sich ergehen. Sein Blut läuft nun für knapp drei Stunden aus dem Shunt über die Kanüle und die Verbindungsleitungen in verschiedene Filter, die die Blutfette entfernen, und wieder zurück. Thomas Pohl ist an eine H.E.L.P.-Maschine, den Plasmat® Futura, angeschlossen. Während der dreistündigen Behandlungszeit kontrolliert das Pflegepersonal regelmäßig den arteriellen und venösen Druck, die Fließgeschwindigkeit und die Heparinkonzentration. Die Ergebnisse tragen sie in das Behandlungsprotokoll ein. Währenddessen plaudern sie mit den Patienten.

Fast alle Patienten, die hier behandelt werden, leiden an einer schweren Form der sogenannten Hyperlipoproteinämie. Ist der Blutfettwert über viele Jahre erhöht, führt dies zu einer frühzeitigen Verkalkung der Gefäße. „Das ist die Realität, die wir immer wieder erleben“, sagt der Ärztliche Leiter des Zentrums, Dr. Christoph Sass, während der Visite. Er schätzt die Dunkelziffer auf über 90 Prozent.

„Viele meiner Patienten sind, bevor sie hierherkommen, seit Jahren krank – manche gar seit Jahrzehnten. Sie haben Stents und Bypässe und früh an Herztod oder Schlaganfall gestorbene Angehörige. Trotzdem haben sich nur wenige meiner Kollegen gefragt, warum, und die entsprechenden Schlüsse daraus gezogen.“

– Dr. Christoph Sass

Matthias Unger ist hier eine Ausnahme: Seine erblich bedingte Fettstoffwechselstörung wurde frühzeitig erkannt – ebenso wie bei seiner Schwester. Beide haben sich rechtzeitig für eine Apherese-Therapie entschieden und tauschen sich seit vielen Jahren mit anderen Betroffenen  aus. „Unsere Gemeinschaft trägt uns. Wir haben sogar eine WhatsApp-Gruppe“, erzählt er.

Für Dr. Sass ist das ein optimaler Fall. „Wenn wir Betroffene rechtzeitig finden, haben wir den Behandlungsverlauf unter Kontrolle und die Patienten können ein normales Leben führen“, erklärt der engagierte Nephrologe mit Zusatzausbildung in Lipidologie. Dass genau die mehr in der Öffentlichkeit ankommt, wünscht sich Thomas Pohl, der immer wieder mit dem Unverständnis seiner Mitmenschen hadert.

„Viele denken, ich sei im Beruf als Manager nicht mehr belastbar, weil ich zweimal die Woche zur Apherese gehe. Dabei ist das Gegenteil ist der Fall: Die meisten von uns stehen mitten im Leben, sind voll berufstätig, sportlich und aktiv. Dazu wünsche ich mir mehr Aufklärung.“

– Thomas Pohl

Um zehn Uhr sind Matthias Unger und Thomas Pohl mit ihrer Freitags-Frühschicht fertig. Für Thomas Pohl geht es jetzt zur Arbeit und bald ins wohl verdiente Wochenende. Matthias Unger freut sich auf seinen Urlaub: Schon in wenigen Stunden wird er in Griechenland landen.

Von Andrea Thöne