Experteninterview Kurzdarmsyndrom

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Auch mit Kurzdarmsyndrom normal leben

Dass man auch nach einem Ausfall der Magen- und Darmfunktion ein weitgehend normales Leben führen kann, beweisen Menschen wie Marek Lichota, ein polnischer Patient mit Kurzdarmsyndrom. Marek Lichota ist nach der Operation noch einmal Vater geworden, er ist berufstätig, treibt Sport und unternimmt sogar Reisen zu eher exotischen Zielen.

Der Weg in die Normalität ist nicht immer einfach und braucht Geduld. Vieles ist abhängig vom Verlauf und der intensiven Betreuung durch einen Ernährungsspezialisten. PD Dr. Michael Adolph, Anästhesist und Ernährungsmediziner, erklärt, worauf es ankommt.

Herr Dr. Adolph, welche Stadien durchläuft ein Kurzdarm-Patient nach seiner Operation?

Unmittelbar nach der Operation kann es zu einer Hypersekretion kommen. Die Phasen, die der Patient danach durchläuft, bezeichnet man in der Medizin als Adaptation und Stabilisation.

Die erste Phase ist gekennzeichnet durch hohe Flüssigkeitsverluste und Durchfälle. In dieser Zeit ist eine intravenöse Flüssigkeitszufuhr respektive parenterale Ernährung absolut notwendig, weil nur so die Verluste ausgeglichen werden können. Die Flüssigkeits- und Ernährungstherapie wird im weiteren Verlauf ständig sorgfältig angepasst, so kann sich der verbliebene Restdarm erholen und sich der veränderten Situation anpassen.

In einem Zeitraum von bis zu 2 Jahren kommt es in der Regel zu deutlichen Verbesserungen in der Flüssigkeits- und Nährstoffaufnahme. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die künstliche Ernährung über die Vene langsam reduziert werden kann. Wie gut all dies gelingt, hängt u.a. von Art und Ausdehnung des verbliebenen Dünndarms und der bis dahin erfolgten Ernährungstherapie ab.

Ist diese Phase der Adaptation abgeschlossen, schließt sich ein längerer Zeitraum an, den wir Stabilisationsphase nennen. Der Patient beginnt Schritt für Schritt wieder Nahrung normal zu sich zu nehmen.  Trotzdem müssen wir das aufmerksam begleiten, denn auch wenn die Patienten ausreichend mit Makronährstoffen (Fett, Kohlenhydrate, Eiweiß) versorgt werden, ist es wichtig, dass Sie genug Mineral- und Mikronährstoffen (Spurenelemente und Vitamine) aufnehmen können.

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist am Anfang eine sehr intensive medizinische Unterstützung notwendig? Bleibt das immer so?

Ja, das trifft insbesondere für die Phase der intravenösen Flüssigkeitszufuhr respektive parenteralen Ernährung zu. In dieser frühen Phase benötigt der Patient eine engmaschige ärztliche Begleitung und natürlich eine kompetente ernährungsmedizinische Beratung durch ein Ernährungsteam. Marek hat ja das Glück kein Stoma zu haben. Wenn ein  Patient aber eine Stomaanlage hat, was manchmal der Fall ist, gehört noch die aufmerksame Unterstützung durch Stoma-Fachkräfte hinzu.
Natürlich wird der Patient lernen, mit seinem Stoma oder aber mit den Problemen eines sog. Kurzdarmsyndroms umzugehen, sodass er schrittweise selbständig werden wird. Trotzdem wird er auf längere Zeit einer ärztlichen Betreuung bedürfen, auch  zu Hause. Im Falle einer heimparenteralen Ernährung ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einer HomeCare-Firma essentiell. Dies wird in der Klinik vor der Entlassung – durch das Entlassmanagement -  geregelt. Die Krankenhäuser sind hierzu ab dem 1. Oktober 2017 gesetzlich verpflichtet!

Wenn die Phase der Stabilisation erreicht ist, worauf sollte der Kurzdarmsyndrom-Patient achten?

In dieser Phase ist neben der Versorgung mit den Makronährstoffen durch Essen besonderes Augenmerk auf die Vitamine und Spurenelemente zu richten. So kann bei Entfernung des letzten Dünndarmabschnittes (terminales Ileum) die intramuskuläre Gabe von Vitamin B12 notwendig werden. Ebenso problematisch ist die Aufnahme der fettlöslichen Vitamine (ADEK), auch hier kann die intramuskuläre Gabe notwendig werden. Mineralstoffe wie Zink, Eisen, Magnesium müssen häufig in höheren Dosierungen substituiert werden.

Welche Tipps können Sie geben? 

Es gibt zahlreiche Hinweise, die sich meist auf die richtige Flüssigkeitszufuhr (wann, welche Zusammensetzung) und die Versorgung mit Mineralstoffen beziehen. Die richtige Auswahl von Lebensmitteln kann bereits helfen, einem Mangel an Elektrolyten, Spurenelementen und Vitaminen vorzubeugen. In jedem Fall sollte eine individuelle Beratung und Begleitung des Patienten erfolgen. Helfen können auch spezielle Kochkurse, die für Patienten nach großen operativen Eingriffen angeboten werden.

Wichtig erscheint mir, dass durch die persönliche Zuwendung von Ärzten, Stoma-Fachkräften, Ernährungsteams und Homecare-Providern dem Patient das Gefühl von Sicherheit gegeben wird. Nur so wird der Patient lernen, mit dieser für ihn völlig neuen Situation umgehen zu lernen und seinen Weg in die Zukunft zu meistern!

Privatdozent Dr. Michael Adolph

Privatdozent Dr. Michael Adolph ist Ernährungsmediziner der ersten Stunde. Er hat wesentlich dazu beigetragen, die künstliche Ernährung in Deutschland zu etablieren. Der Anästhesist und Intensivmediziner hat in der Universitätsklinik Tübingen ein Ernährungsteam fest etabliert. In seiner Freizeit gibt er seine Erfahrung in Kochkursen für Menschen nach großen Baucheingriffen weiter. Die Kochkurse finden mit dem Münchner Starkoch Alfons Schuhbeck statt. Adolph ist aktiv im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin.