Volkskrankheiten

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Was tun?

Volkskrankheiten plagen Millionen und kosten Milliarden. Lässt sich die Verbreitung der Gebrechen bremsen? Fünf Experten geben Antworten.

Herz-Kreislauf-Leiden, psychische Störungen, Erkrankungen des Verdauungssystems und der Zähne, des Muskel-Skelett-Systems und Krebs zählen zu den weit verbreiteten Leiden, die die meisten Krankheitskosten für die Volkswirtschaft verursachen. Welche Rolle spielen Vorsorge und gesellschaftliche Verhältnisse dabei? Wie kann man die Therapien verbessern? Und was lässt sich aus international erfolgreichen Präventionsprojekten lernen? 

"Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Übergewicht seien kein Schicksal, dem wir uns ergeben müssen", meint Alexander Schachtrupp, Leiter Medical Scientific Affairs, B. Braun. Moderne Technik könne zudem helfen, die individuellen Krankheitsrisiken noch besser zu bestimmen und zu senken.

„Die Medizin kann heute viele Volksleiden wirksam behandeln. Zwar nimmt die Zahl der chronisch kranken Patienten zu, doch wird unsere Gesellschaft gleichzeitig immer älter. Das zeigt, dass viele Therapien gut funktionieren, sonst würde die Lebenserwartung nicht weiter steigen. Offensichtlich werden erkrankte Menschen meist gut behandelt und können so im Durchschnitt länger leben. Wir haben also medizinisch Erfolg – den wir jedoch selbst gefährden. Denn viele Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes und Krebs sind nicht unausweichlich. Sie sind eine Folge des persönlichen Lebensstils und des bewussten oder nicht bewussten Eingehens von Risiken. Und die sind relativ klar erkennbar. Viel hat offensichtlich damit zu tun, wie wir uns ernähren und wie viel wir uns bewegen. So treibt eine Überernährung zum Beispiel den Blutdruck nach oben und damit das Risiko für kardiovaskuläre Störungen. Zudem begünstigt das Rauchen solche Leiden ebenso wie auch Krebs. Das ist alles schon lange bekannt. Wir wissen, wie wir uns verhalten müssten, um gesünder zu leben. Und doch tun wir es offensichtlich nur teilweise. So sinkt zwar einerseits die Zahl der Raucher in Deutschland seit Jahren, doch wird die Gruppe der Übergewichtigen immer größer. Derzeit gelten rund zwei Drittel der Männer und etwa die Hälfte der Frauen hierzulande als zu schwer. Die Frage ist, wie die Gesellschaft den Einzelnen dabei unterstützen kann, ungesundes Verhalten zu ändern. So liegt es zum Beispiel auf der Hand, bestimmte schädliche Lebens- und Genussmittel schwerer verfügbar zu machen und gesunde leichter. Das hat sich bei Zigaretten und den sogenannten Alkopops bewährt: Nachdem die Steuern darauf drastisch erhöht wurden, nahm der Konsum unter Jugendlichen deutlich ab. Man sollte also überlegen, wie man mit solchen Hürden, aber auch mit Hinweisen und Verboten, die Bevölkerung dabei unterstützen kann, das Richtige zu tun. Sowohl die Prävention als auch die Behandlung von Volkskrankheiten könnten in Zukunft einen großen Schritt nach vorn machen: wenn es gelingt, wichtige Daten über den Organismus und das Verhalten eines Menschen auszuwerten und sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Bereits heute ist es möglich, viele Informationen mittels Analyse von Genen und Stoffwechsel sowie Protokollierung von Aktivitäten wie Schlafen und Bewegung zu gewinnen. Wenn es gelingt, diese Daten richtig im Zusammenhang zu interpretieren, kann man für jede Person ein individuelles Risikoprofil erstellen und sogar die Ansprechrate auf bestimmte Therapien erfassen. Mithilfe dieser Präzisionsmedizin wäre es dann sogar möglich, Therapien und Medikamente nicht mehr wie bisher auf ganze Gruppen auszulegen, sondern sie für den Einzelfall maßzuschneidern.“

– Prof. Dr. med. Alexander Schachtrupp ist Geschäftsführer der B. Braun-Stiftung und Leiter der Vorstandsabteilung Medical Scientific Affairs, B. Braun Melsungen AG

Wie gut wir uns vor Volkskrankheiten schützen können, hängt zu einem entscheidenden Teil davon ab, was wir essen und trinken – davon ist auch Anthony Fardet überzeugt. Der französische Ernährungswissenschaftler untersucht den Zusammenhang von Ess- und Trinkverhalten und verbreiteten Leiden wie Diabetes, Herzerkrankungen und Krebs. Für den Alltag hat er drei einfache Regeln für eine gesunde Kost aufgestellt.

Gesunde Ernährung

Die Hauptursache chronischer Krankheiten sei eine unausgewogene Ernährung. Dabei spielen in unserer westlichen Kultur vor allem zwei Bestandteile eine entscheidende Rolle: zu viele Kalorien tierischen Ursprungs und aus hochverarbeiteten Lebensmitteln, meint der Ernährungswissenschaftler Dr. Anthony Fardet.

„Hochverarbeitet bedeutet, dass die Ausgangszutaten zum Beispiel nicht einfach nur gekocht und mit gängigen Beigaben wie Gewürzen oder Butter kombiniert werden. Stattdessen zerlegen die Hersteller sie oft erst einmal in ihre kleinsten Bestandteile und setzen sie wieder neu zusammen – typischerweise mit aufbereiteten kosmetischen Zusatzsubstanzen und Ingredienzen wie Farbstoffen, Süßungsmitteln oder Geschmacksverstärkern. Hochverarbeitete Lebensmittel wie beispielsweise Frühstücksflocken für Kinder, bestimmte Süßigkeiten, aromatisierte Joghurtprodukte und Fertiggerichte enthalten gewöhnlich sehr viel Zucker, Salz und Fett, also Substanzen, die süchtig machen können. Gleichzeitig sättigen sie aufgrund ihrer oft weichen, viskosen Struktur schlechter als echte, natürliche Lebensmittel, die man länger kauen muss. Deshalb ist die Gefahr groß, dass wir zu viel davon essen und damit deutlich mehr Kalorien zu uns nehmen, als wir eigentlich benötigen. Das sind vor allem leere Kalorien, die so genannt werden, weil man mit ihnen hauptsächlich Energie aufnimmt, aber kaum lebenswichtige Nährstoffe wie Antioxidantien, Mineralien, Vitamine und Ballaststoffe. Seit 2009 haben sich mehr als 100 Studien mit dem Zusammenhang von hochverarbeiteten Lebensmitteln und Gesundheit beschäftigt. Alle weisen in dieselbe Richtung: Der regelmäßige Konsum dieser Produkte steht in Verbindung mit einem erhöhten Krankheitsrisiko, unter anderem von Adipositas, Bluthochdruck, dem Reizdarmsyndrom und verschiedenen Krebsformen. Drei goldene Regeln helfen, sich gesünder zu ernähren und die Wahrscheinlichkeit, an solchen Leiden zu erkranken, zu senken. Sie lassen sich mit drei Schlagworten zusammenfassen: pflanzlich, echt und variabel. Regel Nummer eins: Nehmen Sie maximal 15 Prozent der täglichen Kalorien aus tierischen Quellen zu sich. Das beinhaltet nicht nur Fleisch, sondern beispielsweise auch Fisch, Milchprodukte und Eier. Regel Nummer zwei: Nehmen Sie maximal 15 Prozent der täglichen Kalorien aus hochverarbeiteten Lebensmitteln zu sich. Regel Nummer drei: Variieren Sie Ihre Ernährung, und essen Sie vor allem echte, natürliche Lebensmittel, vornehmlich aus pflanzlichen Zutaten. Dabei sollte es sich möglichst um lokal angebaute, saisonale Bioware handeln. Diese Regeln beruhen auf einem ganzheitlichen Ansatz. Befolgt man sie, tut man nicht nur der eigenen Gesundheit etwas Gutes, sondern auch der Umwelt und den Tieren.“

– Dr Anthony Fardet ist Ernährungswissenschaftler. Er lebt in Auvergne

Es liegt an uns, zu entscheiden, ob und wie gesund wir uns verhalten. Doch werden wir dabei von Faktoren beeinflusst, die viel mit unserer sozialen Herkunft zu tun haben. Mit den Konsequenzen, die daraus entstehen, beschäftigt sich der Sozial-Epidemiologe Andreas Mielck.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Die Verbreitung von Volkskrankheiten hänge in einem hohen Maß mit Ungerechtigkeit zusammen. Menschen würden in unterschiedliche soziale Schichten mit bestimmten Einkommen und Bildungsniveaus hineingeboren, das können sie nicht beeinflussen, sagt der Sozial-Epidemiologe Dr. Andreas Mielck.

„Statistiken zeigen, dass Volksleiden wie Übergewicht und Bluthochdruck vor allem in den unteren Einkommensgruppen stärker verbreitet sind und deren Mitglieder deutlich früher sterben. Wenn Menschen eher krank werden, weil sie einer bestimmten Schicht angehören oder entstammen, ist das ungerecht. Natürlich haben Herzkreislauf-Erkrankungen oder auch Diabetes Typ II viel mit dem persönlichen Verhalten zu tun, also mit Ernährung, Rauchen und Bewegung. Da liegt es nahe zu sagen: Darüber, was ich esse, ob ich rauche und wie viel ich mich bewege, kann ich selbst entscheiden, also bin ich dafür allein verantwortlich. Doch so einfach ist es nicht. Denn solches Verhalten wird oft in der Umgebung vorgelebt, also in der Familie, im Freundes- und Kollegenkreis. Heute wird sehr oft nur die Eigenverantwortung betont. Wir weisen deshalb im Gegenzug auf die Grenzen der eigenen Fähigkeiten hin, sein Verhalten zu ändern. Wenn die Gesellschaft erreichen will, dass einkommensschwache Gruppen gesünder leben, sollte sie das berücksichtigen. Derzeit stecken wir in einem Präventionsdilemma: Die meisten Aktionen von Politik und Krankenkassen erreichen kaum die, die sie am nötigsten hätten, sondern vor allem jene, die ohnehin kurz davor sind, sich gesund zu verhalten. Man kann das Dilemma nur überwinden, indem die Personen, die angesprochen werden sollen, von vornherein in die Planung einbezogen werden. Wir sprechen dabei von Partizipation. Wenn man die Ressourcen dieser Menschen stärken will, damit sie sich selbst helfen können, muss man zu ihnen gehen und erst einmal Fragen stellen: Was sind die Gründe für Ihr Verhalten? Wie könnte man das ändern? Wollen Sie das überhaupt? Wie könnten wir Ihnen dabei helfen? Sicherlich ist es einfacher und billiger, eine große Informationskampagne gegen das Rauchen zu starten, als zu den Adressaten zu gehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch nur wenn man an der Basis ansetzt, kann man etwas erreichen. Auch wenn Ungerechtigkeiten aus sozialen Unterschieden entstehen, geht es nicht darum, dass alle gleich viel verdienen sollen. Aber wir sollten versuchen, die unteren sozialen Gruppen so zu fördern, dass ihnen keine gesundheitlichen Nachteile entstehen. Und das möglichst schon von Geburt an. Die Ungleichheit an sich ist kein Skandal. Doch wenn die Folgen daraus für die Gesundheit zu groß werden, wird es ungerecht. Und dann beginnt der Skandal.“

– Dr. Andreas Mielck ist Sozial-Epidemiologe und arbeitet am Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen des Helmholtz Zentrums München

Prävention, die funktioniert

Dass Prävention auf Augenhöhe erfolgreich sein kann, hat der finnische Arzt Pekka Puska festgestellt. In den 70er Jahren entwickelte er mit seinen Kollegen ein Gesundheitsprojekt für die Region Nordkarelien, das weltweit Aufsehen erregte. Seither ist die Herztodrate im Land drastisch gesunken.

„Als wir 1972 unser Projekt in Nordkarelien starteten, hielt Finnland einen traurigen Rekord: die relativ gesehen höchste Sterberate durch Herzkrankheiten in der ganzen Welt. Vor allem mittelalte Männer kamen so ums Leben. Die Öffentlichkeit machte Druck und forderte: Tut etwas! Damals wussten wir noch nicht so viel über die Risikofaktoren solcher Leiden wie heute. Doch es war uns bereits klar, dass dabei zu viel Cholesterin im Blut und ein zu hoher Blutdruck eine entscheidende Rolle spielten, die wiederum eng mit persönlichen Gewohnheiten wie Ernährung, Rauchen und zu wenig Bewegung zusammenhingen. Wir erkannten, dass die Prävention der Schlüssel für dieses Problem war. Doch wie konnte man die Menschen zu einem gesünderen Verhalten animieren? Natürlich haben wir erst einmal über die Ursachen der Krankheiten, die zum Herztod führen, aufgeklärt. Doch es reicht nicht aus, zu informieren und von oben herab zu sagen: Ernähre dich gesünder, beweg’ dich und hör auf zu rauchen! So gaben wir zusätzlich praktische Tipps, wie das am besten gelingen könnte. Aber wenn man den Lebensstil einer ganzen Region ändern will, muss man an den Rahmenbedingungen drehen. Deshalb verankerten wir unser Projekt tief in der Gesellschaft und versuchten, möglichst viele Akteure einzubeziehen. Wir sprachen mit den Bewohnern Nordkareliens, mit Ärzten, Pflegekräften, aber auch mit Geschäftsleuten, Nichtregierungsorganisationen und Journalisten. Wir wollten möglichst breit ansetzen, um den Menschen klarzumachen: Das ist euer Projekt. Als es nach fünf Jahren zunächst endete, sahen wir die ersten positiven Trends: Die Raucherzahlen fielen, die Ernährungsgewohnheiten veränderten sich, und auch die Zahl der Herzpatienten begann zu sinken. So setzten wir das Programm fort und weiteten die Kampagne auf ganz Finnland aus. Der nächste Schritt bestand darin, den Menschen den Wechsel zu einem gesünderen Lebensstil zu erleichtern. Neue Gesetze weiteten Nichtraucherzonen immer weiter aus. Wir arbeiteten mit der Industrie zusammen, um die Produktion von Lebensmitteln anzuregen, die weniger gesättigte Fettsäuren und Salz enthielten. Zuerst war der Widerstand groß. Doch als die Hersteller feststellten, dass die Nachfrage nach gesunden Produkten stieg, erkannten sie die das potenzielle Geschäft. Innerhalb von rund 30 Jahren sank die Sterblichkeit durch Herzkrankheiten bei den mittelalten Männern um rund 80 Prozent. Die Lebenserwartung Neugeborener ist inzwischen um rund zehn Jahre gestiegen. Es deutet vieles darauf hin, dass heute weniger Menschen an diesen Leiden erkranken, weil die Risikofaktoren in der Bevölkerung deutlich weniger ausgeprägt sind. So waren zu Beginn des Projekts mehr als die Hälfte der Männer Raucher, heute sind es 15 Prozent. Wenn man Finnen auf der Straße fragt, sagen sie: Das Nordkarelien-Projekt war ein Vorbild. Ich denke, wir haben den Weg zum Wandel gewiesen, aber wir haben ihn nicht bewirkt. Das hat die finnische Gesellschaft getan. Angesichts hoher Herztodraten in der Welt liegt es nahe, unser Programm in anderen Ländern und Regionen zu kopieren. Doch das ließe sich in Hamburg oder Peking nicht einfach eins zu eins wiederholen, dafür sind die Bedingungen zu unterschiedlich. Aber das Rahmenkonzept des gesellschaftsbasierten Projekts ist übertragbar und wird von der Weltgesundheitsorganisation seit Jahren angewandt.“

– Prof. Dr. Pekka Puska ist Epidemiologe und war zuletzt Generaldirektor des Nationalen Instituts für Volksgesundheit von Finnland.

Entscheidungen gemeinsam treffen

Gemeinsam statt von oben herab – dieser Grundsatz könnte auch die Krebstherapie nach Ansicht von Pola Hahlweg nach vorn bringen. Die Diplompsychologin tritt für eine gemeinsame Entscheidungsfindung von Arzt und Patient ein.

„In der Krebstherapie spielen Entscheidungen eine essenzielle Rolle. Welche Behandlungsform gewählt wird, hat oft weitreichende Konsequenzen für das weitere Leben der Patientin oder des Patienten. Die Betroffenen befinden sich zunächst meist in einer Ausnahmesituation, in der ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dabei ist die Unsicherheit oft groß, und es ist schwierig eine gute Entscheidung zu treffen, wenn mehrere Therapievarianten zur Wahl stehen und keine eindeutig beste heraussticht. Gewöhnlich treffen in diesem Augenblick die Ärzte die Entscheidung über das weitere Vorgehen – doch die muss nicht die beste sein. Die Behandler gehen oft mit einem ganz anderen Blick an diese Fragen heran. Solche Entscheidungen zu treffen, ist für sie Routine. Zudem blicken sie rationaler auf die Situation als Patientinnen und Patienten und besitzen die medizinische Expertise. Aber ihnen fehlt die individuelle Lebenserfahrung dieser speziellen Person. Sie können nicht wissen, welche Prioritäten für diese bei der Wahl der Therapie eine Rolle spielen. So kann es sein, dass einer Patientin Sicherheit besonders wichtig ist und sie deshalb bereit ist, dafür auch schwere Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen – während ein anderer eine möglichst schonende Behandlung vorzieht, auch wenn er damit vielleicht nicht jede Chance nutzt, sein Leben zu verlängern. Das zeigt: Es spielt eine große Rolle, welche Werte, Hoffnungen und Befürchtungen jemand mitbringt. Da reicht medizinische Expertise allein für eine gute, zum Einzelfall passende Entscheidung nicht aus. Deshalb sollten solche Entscheidungen möglichst von Betroffenen und Behandelnden gemeinsam getroffen werden. Studien belegen, dass es viele Vorteile hat, die Betroffenen in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Sie wissen dann mehr und werden sicherer; ihre Erwartungen an die Therapie sind realistischer und das Vertrauen in das medizinische Personal steigt. Ärzte wiederum berichten, dass sie mit dem Austausch mit den Patienten und mit deren Behandlung zufriedener sind. Zudem ziehen sie mehr Behandlungsmöglichkeiten in Betracht. Unklar ist bislang noch, ob die Therapietreue steigt. Doch das erscheint naheliegend. Es gibt viele wohlwollende Ärztinnen und Ärzte, denen eine gemeinsame Entscheidungsfindung wichtig ist, die diese im Alltag bislang oft nicht ausreichend umsetzen. Als Gründe werden zum Beispiel fehlende Unterstützung durch die Leitungsebene und mangelnde Zeit genannt. Und so wird häufig direkt im Diagnosegespräch die Behandlung gewählt, statt bei einem weiteren Termin gemeinsam in Ruhe die Optionen abzuwägen. Dabei berichten Ärztinnen und Ärzte, dass sie den Eindruck haben langfristig Zeit zu sparen, wenn sie am Anfang ausführlich mit den Patientinnen und Patienten sprechen und ihnen die Situation und die Handlungsmöglichkeiten verständlich vermitteln. Außerdem zeigen erste Studien aus den USA, dass besser informierte Betroffene seltener elektive, also nicht zwingend notwendige, Eingriffe durchführen lassen und dadurch die Behandlungskosten sinken können. Es kommt also nicht nur auf klassische Ergebnisse einer Therapie wie Mortalität und Morbidität an, sondern auch auf Lebensqualität und Zufriedenheit. Sollte das selbstverständlich werden, würde das einen großen Unterschied in der Behandlung von Krebspatientinnen und -patienten machen.“

– Pola Hahlweg ist Diplompsychologin und stellvertretende Leiterin der Forschungsgruppe „Patientenzentrierte Versorgung: Evaluation und Umsetzung“ am Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie des UKE Hamburg. Außerdem arbeitet sie therapeutisch als Psychoonkologin.

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