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Inkontinenz: Experten fordern Begleitung und Beratung von Patienten in der Nachsorge

In Berlin fanden im Dezember Good Clinical Practice-Workshops statt.

Experten haben im Rahmen der wissenschaftlichen Veranstaltung „Stuhl- und Harninkontinenz – ein interdisziplinärer Ansatz“ die zunehmende Bedeutung des Themas für Klinik und Praxis herausgestellt. „Die Arbeit in Kontinenzzentren zeigt, dass der Erfolg der Inkontinenzbehandlung davon abhängt, in welcher Weise Pflege und Physiotherapie sowie Ärzte aus Urologie, Gynäkologie und Chirurgie zusammenarbeiten“, sagt Prof. Alexander Schachtrupp, Leiter des im Dezember 2013 in Berlin stattgefundenen zweitägigen Good Clinical Practice-Workshops. Neben der Plenumveranstaltung mit mehr als 250 Teilnehmern, fand am ersten Tag ein Pflegeworkshop mit etwa 100 Teilnehmern statt, der sich auf die Versorgungsqualität von Patienten mit Inkontinenz konzentrierte.

Betroffene brauchen im Alltag Unterstützung durch in der Inkontinenzversorgung ausgebildete Fachkräfte. „In zertifizierten Kontinenzzentren sind Pflegeexperten bereits ein Bestandteil der Behandlungsteams“, sagt die Krankenschwester und Stomatherapeutin Elke Kuno in der Pflegeveranstaltung. Die Lehrerin für Pflegeberufe fordert die Pflegekräfte auf, sich fortzubilden. Auch der Urologe und leitende Oberarzt am Klinikum Salzgitter Christoph Kümmel betont, dass Inkontinenz-, Stoma- und Wundberater aus der Pflege als Fachkräfte nicht mehr wegzudenken sind. „Pflegende können die Beratung von Inkontinenzpatienten aber nicht nebenher oder in ihrer Freizeit machen“, erklärt Kümmel.

An deutschen Krankenhäusern sind festangestellte Pflegeexperten auf dem Gebiet der Kontinenzförderung eher selten. „In Großbritannien gibt es Kontinenzberater, die eigenverantwortlich in der Patientenversorgung tätig sind“, sagt Elke Kuno. Die Professionalisierung von Pflegeexperten werde zwar in Deutschland vorangetrieben, aber es fehlten nach wie vor die gesetzlichen Voraussetzungen. So ist die Substitution, mit der Pflegefachkräfte auf speziellen Gebieten eine medizinische Tätigkeit eigenverantwortlich erbringen und abrechnen könnten, bisher nur in Modellvorhaben zugelassen. Sie wird in der Ärzteschaft stark diskutiert, denn im Gegensatz zu der Delegation, in der die Therapiehoheit und Verantwortung beim Arzt verbleibt, kann bei der Substitution „eine ärztliche Tätigkeit zukünftig zur selbstständigen Ausübung von Heilkunde an Berufsangehörige der Alten- und Krankpflege übertragen werden.

Ein Aufgabenbereich für Pflegeexperten ist die Begleitung von Patienten, die von Inkontinenz betroffen sind. So bietet die Stadt Wien eine kostenlose, öffentlich zugängliche Inkontinenzberatung an. Eine Pflegekraft begleitet den Therapieverlauf und vermittelt bei Bedarf an Fachärzte. Verbindlicher Qualitätsstandard ist der „Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz in der Pflege“. Die Pflegewissenschaftlerin Kerstin Gitschel hat das Projekt untersucht und sieht Pflegeexperten als zentrale Ansprechpartner für die Betroffenen. „Beraten, anleiten und unterstützen – das sind die Hauptaufgaben der Pflege“, sagt die Urotherapeutin. „Die Beratung verbessert die Versorgungsqualität und unterstützt das Selbstmanagement.“

Auch für die Pflegesachverständige Simone Lippold stehen die häusliche Versorgung und die Patientenausbildung an erster Stelle. Räumlichkeiten, hygienische Verhältnisse, Reisen – all das sind Herausforderungen im Alltag. Grundsätzlich empfiehlt sie die Nachsorge durch einen Pflegeexperten und einen Facharzt. Sie verweist auf Homecare-Unternehmen mit persönlicher Fachberatung, die schon in den Kliniken präsent sind: „Ein gutes Überleitungsmanagement in der Klinik bringt Vertrauen für Betroffene“, sagt Lippold.

Bei der Behandlung von Inkontinenz sind transurethrale Dauerkatheter keine sinnvolle Maßnahme. „Bevor man sich für die langfristige Versorgung mit einem Dauerkatheter entscheidet, sollte man alle Alternativen prüfen“, sagt der Urologe Kümmel in seinem Vortrag. Für den Facharzt sind transurethrale Dauerkatheter ein schwerer Eingriff in die Intimsphäre eines Patienten und oft mit Komplikationen bzw. hohem Pflegeaufwand verbunden.“Die zunehmende Besiedlung mit multiresistenten Erregern infolge wiederholter Antibiotikatherapie von Harnwegsinfektionen birgt gerade bei einer Langzeitversorgung mit einem Dauerkatheter die Gefahr schwer zu behandelnder Infektion bis hin zur Urosepsis“, sagt er. Eine Katheterinfektion ist abhängig von der Liegedauer eines Katheters. Die tägliche Rate der Entwicklung einer Bakteriurie liegt zwischen 3 bis 10 Prozent. Bei einer Langzeitversorgung mit einem Dauerkatheter können zudem in bis zu 95 Prozent mehrere Erreger nachgewiesen werden .

Der Einsatz eines suprapubischen Blasenkatheters ist in der Praxis die bessere Alternative  - auch wenn es keine wissenschaftlichen Studien gibt, die die Vorteile in der Langzeitversorgung zweifelsfrei belegen. Diese Drainage der Blase durch die Bauchdecke ist so Kümmel „mit geringerem Pflegeaufwand und geringerer nosokomialer Infektionsrate“ verbunden und werde auch von den Patienten als weniger belastend empfunden . Bei neurogenen Blasenfunktionsstörungen verweist der Urologe auf den intermittierende Katheterismus, der mit einer medikamentöse Therapie kombiniert werden sollte.

Zur Behandlung einer Stuhlinkontinenz empfiehlt der Stomatherapeut Burkhard Kneiseler die Irrigation. Bei der transanalen Irrigation wird der Dickdarm durch regelmäßiges Spülen zu einer erhöhten Muskeltätigkeit angeregt, die zu einer kompletten Entleerung zu einem gewünschten Zeitpunkt führt, sodass der Betroffene anschließend bis zu 48 Stunden ohne Darmentleerung auskommen kann. Eine Irrigation tritt nicht an die Stelle der Darmfunktionen, sondern unterstützt die natürliche Fähigkeit des Darms, sich selbst zu entleeren. „Die Irrigation ist eine Methode, die Patienten – falls es die Diagnosestellung zulässt –immer angeboten werden sollte, weil sie ein Höchstmaß an Freiheit bietet“, so Kneiseler.

In seinem Vortrag zur Hautpflege bei Inkontinenz bittet der Stoma-, Wund und Inkontinenztherapeut Olaf Hagedorn die Zuhörer um Reflektion. „Die Haut ist unser Schutzorgan – fragen Sie sich deshalb immer, was Sie gerade tun.“ Weniger sei dabei mehr: „Reinigen sie die Haut wenn möglich mit Wasser“, rät der Pflegeexperte. Wichtig sei eine vorbeugende Hauthygiene, denn speziell bei Störungen der Kontinenz komme es leicht zu Hautproblemen – besonders im Analbereich. Bei trockener Haut sind fettende Wasser-in-Öl-Produkte, die einen Schutzfilm bilden, und bei fettiger Haut Öl-in-Wasser-Produkte zu verwenden. Sie entziehen der Haut Fett, wirken kühlend und ziehen schnell ein. Hagedorn rät außerdem, den Einsatz ätherischer Öle zu erwägen, denn sie können die Durchblutung steigern, das Bindegewebe stärken und die Muskulatur entspannen: Oft verfügten sie über desodorierende und beruhigende Eigenschaften.

Der GCP-Workshop-Reihe wird ausgerichtet von der B. Braun Melsungen AG, Abteilung Medical Scientific Affairs Corporate unter Leitung von Prof. Dr. Alexander Schachtrupp und ist unterstützt von der B. Braun Stiftung.

Einen längeren Bericht sowie die einzelnen Vorträge zu den Referenten gibt es unter: http://www.gcp-workshop.de