Eine Geschichte über Krankenpflege

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Erster Stipendiat der B. Braun-Stiftung: „Ich wollte die (Kranken)Pflege besser machen“

Die Medizin fordert von ihren Akteuren ständige Weiterbildung. Die B. Braun-Stiftung setzt seit 50 Jahren mit ihren Fortbildungsstipendien genau hier an.

Paul Reusch wurde am 29. März 1939 im heutigen Bad Urach geboren. Er machte nach der Schule eine Lehre zum Mechaniker. Doch in ihm wuchs der Wunsch etwas Sinnvolles zu tun, und so startete er kurz nach seinem 18. Geburtstag ein Soziales Jahr in einer Pflegeanstalt und danach eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Stets war es sein Ziel, die Pflege zu verbessern. 1966 war er der erste Stipendiat der B. Braun-Stiftung. Seitdem wurden über 15.000 Krankenpflegekräfte und rund 680 Mediziner durch Weiterbildungs- und Forschungsstipendien unterstützt. Paul Reusch im Gespräch über Fachkräftemangel, Männer in Pflegeberufen und den Wert von Weiterbildung.

Vergangenheit und Zukunft: Paul Reusch, erster Stipendiat der Stiftung in 1966, Lehrer und Leiter einer Krankenpflegeschule in Sigmaringen bis 2002, und Claudia Maier, MsC Public Health, Stipendiatin des Harkness Fellowship-Programmes aus 2014/2015

Herr Reusch, Sie waren 1966 der erste Stipendiat der B. Braun-Stiftung. Wie kam es dazu?
Ich machte ab 1965 eine Weiterbildung an der Krankenpflege-Hochschule in Frankfurt am Main zum Unterrichtspfleger, wie Lehrer für Pflegeberufe damals noch genannt wurden. In diese Zeit fiel die Gründung des FDK (Fachverband Deutscher Krankenpfleger), wo ich Mitglied wurde im Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBFK). Der Vorsitzende hatte Kontakt zu B. Braun und hörte von der Stiftungsgründung. Er hat mich dann empfohlen und so wurde ich der erste Stipendiat der B. Braun-Stiftung.

Für was haben Sie das Stipendium benutzt?
Mit den 625 DM Förderung habe ich meine Studiengebühren an der Krankenpflege-Hochschule  finanziert. Das war sehr hilfreich, weil ich den größten Teil meiner Ersparnisse bereits aufgebraucht hatte.

Was wollten Sie erreichen?
Ich wollte die Pflege positiv beeinflussen. Und das war nur möglich, indem ich die Befähigung für eine leitende Funktion erlangte.

Woher kam Ihr Drang nach Verbesserungen?
Ich war von 1962 bis 1964 in Kanada - als „Male Nurse“. Die Medizin und auch die Pflege waren dort viel weiter entwickelt. In Deutschland hatte es durch den Krieg einen Entwicklungsstillstand gegeben: In meiner Ausbildung habe ich noch die Darmrohre ausgekocht, Kanülen geputzt, sterilisiert und wieder verpackt – alles machten die Schwestern und Pfleger noch in Handarbeit (lacht). Und die Behandlung der Patienten wurde nur durch die Ärzte dokumentiert. In Kanada wurde hingegen bereits ein Pflegeplan für jeden Patienten erstellt und die Behandlung auch durch die Schwestern und Pfleger dokumentiert. Als ich dann 1964 nach Deutschland zurückkam, wollte ich das auch hier umsetzen.

Gaben Ihnen Fortbildung und Stipendium die Möglichkeit dazu?
Ja. Das lag aber auch daran, dass 1965 das Krankenpflege-Gesetz reformiert wurde. Die Pflegeeinrichtungen waren angehalten, Leitungsfunktionen mit speziell Weitergebildeten, also mit Unterrichtsschwestern oder -pflegern zu besetzen. So habe ich in den 60ern in Kaufbeuren und Memmingen als Pflegedienstleiter Pflegepläne eingeführt, nach denen dann gearbeitet wurde.

Also haben auch Sie dazu beigetragen, dass die Pflege-Planung und -Dokumentation heute gesetzliche Pflicht sind?
Ich habe da nur ein bisschen beraten mit meiner Erfahrung (lacht). Denn das Thema wurde in den Berufsverbänden natürlich intensiv diskutiert und Fortbildungen initiiert. Aufgrund meiner Leitungsfunktionen war es aber schwierig, mich auch nebenamtlich zu engagieren. Den pflegerischen Berufsverbänden ist es zu verdanken, dass die Pflicht zur Pflege-Planung und -Dokumentation in den 80er Jahren auch endlich gesetzlich verankert wurde.

Welche Probleme gehörten damals noch zu Ihrem Alltag?
Pflegekräftemangel war wie heute ein Thema: Da hat man koreanische Krankenschwestern in deutsche Einrichtungen geholt. Die waren fast besser ausgebildet, weil die Ausbildung in Korea nach amerikanischem Vorbild erfolgte. Zudem hat man versucht junge Leute durch eine bessere Ausbildungsvergütung in den pflegerischen Beruf zu bringen und so gab es vor 20 Jahren auch wieder mehr Krankenpflegeschüler. Heute ist bei der Vergütung jedoch im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen wieder ein Einbruch zu verzeichnen, sodass sich wieder ein Pflegekräfte-Notstand entwickelt.

 

Und wie hat man vor diesem Hintergrund auf Männer in Pflegeberufen reagiert?
Also das war schon eine Besonderheit: Als ich z.B. in Memmingen als Schul- und Pflegedienstleiter begonnen habe, hat die Zeitung einen großen Artikel gebracht mit der Headline: „Unsere Oberin heißt Paul!“ Das war lustig (lacht). In meiner Weiterbildung damals waren wir nur fünf Männer unter 25 Frauen. Aber dort wir waren dennoch immer akzeptiert. Nur von denen, die keine Ahnung hatten, wurde man manchmal belächelt. Innerhalb der Branche gab es keinerlei Diskriminierung, denn da wusste man: Es geht nicht ohne Männer in der Pflege. Dabei geht es gar nicht ums Umlagern von schweren Patienten, dafür gibt es Hilfsmittel. Sondern: Die Medizin ist immer technischer geworden und mit ihr die Pflege. Im Intensivbereich finden Sie heute fast gleich viele Männer wie Frauen. Da sind so viele technische Geräte im Einsatz – und Männer haben eben oft ein besseres Verständnis für Technik – auch durch ihren ersten Ausbildungsweg, wie ich als Mechaniker. Man durfte die Krankenpflege-Ausbildung damals ja erst ab einem Alter von 18 beginnen. Wer sich dafür interessierte, hat die Zeit bis dahin mit einem anderen Beruf oder zig Praktika überbrückt.

Sind Sie B. Braun oder der Stiftung während Ihrer Berufstätigkeit wieder begegnet?
Oh ja! Die Verwendung von Einmalprodukten nahm ja Gott sei Dank auch in Deutschland ab den 60er Jahren zu. Da hatte B. Braun mit seinen Entwicklungen großen Anteil. Auf deren Infusionssysteme haben wir z.B. immer wieder gern zurückgriffen. Auch Dialysebehandlungen konnten wir dank der Systeme von B. Braun in Memmingen durchführen. Ich denke, B. Braun hat Großes dazu beigetragen, dass die medizinische Entwicklung in Deutschland schnell fortgeschritten ist.

Welche Bedeutung hatte die B. Braun-Stiftung für Ihr Leben?
Große. Denn hätte ich die Fortbildung damals nicht finanzieren können, wäre ich nicht über 40 Jahre lang Lehrer gewesen. Ich hätte ich nicht jedes Jahr etwa 25 Krankenpflegeschüler ausbilden können, also insgesamt 1000 junge Menschen.

Hätten Sie beruflich gerne noch etwas erreicht bzw. was müsste noch geändert werden in der Pflege?
Heute gibt es leider immer noch dieselben Probleme in der Krankenpflege-Ausbildung wie vor 50 Jahren: Damals wie heute müssen sich Schwestern und Pfleger von Anfang an spezialisieren. Da gibt es Kinderkrankenschwestern, Heilerziehungspfleger, Krankenschwestern und Altenpfleger – alle mit ihrer eigenen Ausbildung! Schon damals hat man versucht, diese vier Pflegebereiche in einer Ausbildung zusammenzuführen. Aber erst jetzt sind im Bundestag Vorschläge gemacht worden, dass alle vier Pflege-Disziplinen dieselbe Grundausbildung absolvieren und man sich erst nach zwei Jahren spezialisiert. Auch die Durchlässigkeit des Bildungssystems ist ein Diskussionspunkt, also dass man die Möglichkeit schafft, nach Mittlerer Reife und Berufsausbildung noch zu studieren. Das geht bislang nicht, außer man holt das Abitur nach. Es würde mich einfach freuen, wenn die Krankenpflege als Berufsstand auf ein anderes Niveau gehoben würde. Wenn sie wie in den USA und Kanada eine gleichwertige Anerkennung mit der Medizin erreicht. Es gibt zwar schon einzelne Pflege-Professoren und -Doktoren, aber das sind Ausnahmen.

Wären Sie gerne noch Pflege-Professor geworden?
Das wäre schon ein Ziel (schmunzelt), aber das ist jetzt mit meinen 77 Jahren vielleicht etwas zu spät.

Das Interview führte Anja Speitel, Diplom-Journalistin, München