Effizienz & Gerechtigkeit im Gesundheitssystem

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Zusammenarbeiten statt durcheinanderreden

Bei einem Workshop im Innovationslabor von B. Braun ringt ein interdisziplinärer Expertenkreis um Antworten auf die großen Fragen des Gesundheitssystems.

Es ist ein Experiment. Und der Auftakt eines Dialogprozesses, mit dem sich B. Braun noch weiter öffnet, um Expertise zu teilen.

Die schwere, rote Metalltür im Erdgeschoss des alten Fabrikgebäudes ist eine Grenze: Alltag und Business-as-usual haben hier keinen Zutritt. Wer die Schwelle übertritt und die Stufen emporsteigt, muss bereit sein, sich auf neue Gedanken und Perspektiven einzulassen. „When everything seems to be under control, you are not going fast enough”, wird auf einer Wand der Rennfahrer Mario Andretti zitiert. Ein Poster im Treppenhaus fordert: „Leave your comfort zone.“ Längst nicht jeder ist dafür bereit.

Willkommen im werk_39, dem Innovationslabor von B. Braun

„Dies ist ein neutraler Ort“, sagt Anton Feld, Design-Thinking-Experte und Moderator, während er im großen, offenen Workshop-Raum die letzten Vorbereitungen trifft. Im werk_39 arbeiten Ingenieure und Techniker von B. Braun an neuen Produkten und mit Krankenhaus-Teams daran, die Effizienz im OP zu verbessern. Die Annahme: Auch im 21. Jahrhundert gibt es kein mächtigeres Werkzeug als das menschliche Gehirn. Wenn man Bedingungen schafft, damit es richtig arbeiten kann. 

„Wir unterstützen die Workshop-Teilnehmer mit Mentoring und Analyse, und helfen dabei, die Probleme und Pain Points zu identifizieren.“

– Anton Feld, Design-Thinking-Experte und Moderator

STEP 1: INITIATE

An diesem Spätwintertag geht es in Tuttlingen nicht um Produktdesign, sondern um ein größeres Problem: „Wie kann man Effizienz und Gerechtigkeit im Gesundheitssystem steigern?“ Aus ganz Europa sind Experten zu dem interdisziplinären Workshop angereist. Aus Brüssel kommt der Gesundheitsökonom Axel Mühlbacher. Aus Bern die WHO-Beraterin Ilona Kickbusch. Aus Berlin der Arzt und Start-up-Unternehmer Paul Brandenburg. Zusammen mit der Philosophin Weyma Lübbe, dem IoT-Experten Tobias Gebhardt und dem Chirurgen Florian Sommer wollen sie über die Zukunft reden. Aber nicht in der üblichen Talkshow-Logik, in der Buzzwords herumschwirren und jeder seine Position verteidigt. Stattdessen verlassen sie ihre „Comfort Zone“ und gehen aufeinander zu. 

„Es ist ein Experiment. Wir wissen nicht, was heute herauskommt. Das ist ja das Spannende. “

– Markus Strotmann, Physiker und Vorstand bei B. Braun, Gastgeber des Workshops.

STEP 2: DISCOVER

Ein maximal gerechtes und effizientes Gesundheitssystem: Geht es nicht eine Nummer kleiner? 374 Milliarden Euro wurden in Deutschland 2017 ausgegeben. Gut elf Prozent des Bruttosozialprodukts – 1992 waren es noch neun Prozent. Und laut OECD könnten sich die Gesundheitskosten bis 2060 weltweit mehr als verdoppeln. Gleichzeitig haben arme Menschen in Deutschland eine um bis zu zehn Jahre kürzere Lebenserwartung als wohlhabende Menschen. Was tun?

Kurz verharrt die Gruppe, lernt sich kennen und umkreist das Thema. Der Workshop ist weniger Podiumsdiskussion als offener Raum. Daran muss man sich gewöhnen. Erst mal Notizen machen. Begriffe. Ansätze. Definitionen. Mit grünem Magic Marker schreibt Moderator Anton Feld auf einem großen Whiteboard mit. Es herrscht, wie er es nennt, „Brainstorming-freundliches Klima“.

Axel Mühlbacher: „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht genau, was Gerechtigkeit ist. Und bislang hat es noch keinen allgemein akzeptierten Ansatz gegeben, um Effizienz der Versorgung messbar zu machen. Es müsste also etwas ganz Großes passieren, wenn wir in sechs Stunden einen Heureka-Moment generieren.“ (lacht) 

Weyma Lübbe: „Wir müssten eigentlich auch über das ideengeschichtliche Verhältnis von Gerechtigkeit und Effizienz sprechen. Wie kam es dazu, dass Ökonomen sich auf Effizienz konzentriert und das Nachdenken über Gerechtigkeit anderen Disziplinen überlassen haben?“

Paul Brandenburg: „Sind das überhaupt die richtigen Begriffe?“

Ilona Kickbusch: „Bei uns ist das Menschenrecht auf Gesundheit ja eine Selbstverständlichkeit. Aber für 50 Prozent der Menschheit gilt das nicht. Die werden gleichzeitig krank und arm.“

Markus Strotmann: „Es liegt an uns, den Hebelpunkt unserer Diskussion zu finden. Was muss ein Gesundheitssystem leisten?“

STEP 3: EXPERIMENT & BUILD

10:30 Uhr. Kaffeepause. Doch anstatt sich von der Debatte zu erholen oder sich in die Privatsphäre des Smartphone-Displays zurückzuziehen, machen die Workshop-Teilnehmer einfach weiter: bilden kleine Gruppen, reden, zweifeln, denken – Arbeit eben. Das werk_39 stellt eine Verbindung her zwischen dem analogen Ursprung von B. Braun und der digitalen Hightech- und Wissensgesellschaft. An der Seite dienen historische Schraubzwingen aus der Werkstatt als Ständer für Info-Materialien.

Die Workshop-Ausstattung wie Stifte oder Post-it-Zettel werden in alten Werkzeugkästen aus Holz aufbewahrt. Die moderne Informationsarchitektur aus Smartphone, Beamer und WLAN steht im Kontrast zu unverputzten Wänden, freigelegten Fachwerkbalken und Kabelsträngen – das Innenleben des Gebäudes liegt offen da. 

„We tend to forget the principles behind the methods. We only look at the artefacts.“

Und genau darum geht es: Hinter die Oberfläche zu blicken. Die Workshop-Teilnehmer einigen sich darauf, die Diskussion auf zwei Fragen zu beschränken und teilen sich in zwei Gruppen auf:

Gruppe A: Der Zugang zum Gesundheitssystem 

Satzfetzen schwirren durch den großen Raum: „Erhöhung der Schlagzahl“ – „Das ist wirklich paradox“ – „Nur 15 Prozent der Patienten wissen, wie das System genau funktioniert“ – „Was nichts kostet, ist nichts wert.“ Wer der Arbeitsgruppe um Strotmann, Kickbusch, Sommer und Gebhardt nur eine Minute nicht zuhört, verliert den Anschluss. Manager, Arzt, Politikwissenschaftlerin und Start-up Gründer ergänzen sich gut und finden einen Common Ground: „Es gibt ein Recht auf Zugang zum Gesundheitssystem.“

Tobias Gebhardt: „Um den Zugang zu verbessern, braucht es eine bessere Steuerung.“

Florian Sommer: „Was genau meinst du damit?“

Tobias Gebhardt: „Ja, das sollten wir konkretisieren.“

Diese Aussage bildet den Grundstein einer Matrix, die sie mit Post-it-Zetteln und roten und grünen Magic Marker- Strichen auf dem Whiteboard entwerfen. Schnell wird klar: Niemand kann das Problem allein lösen. Es gibt keine Stellschraube, an der man drehen kann und alles wird besser oder gar gut. Die Bürger müssen mehr Eigenverantwortung zeigen. Die Krankenkassen und Arbeitgeber Incentives einsetzen, um effizientes Verhalten zu belohnen. Die Leistungsanbieter eine Vielfalt der Therapien und Angebote entwickeln, die den Menschen wirklich hilft. Es geht nur zusammen. Gut, dass man zusammenarbeitet.

Gruppe B: Gerechtigkeit vs. Effizienz

Die zweite Workshop-Gruppe wählt einen anderen,eher diskursiven Weg. Die Philosophin Weyma Lübbe,der Ökonom Axel Mühlbacher und der Arzt Paul Brandenburg sitzen um einen kleinen runden Tisch und führen eine ruhige und gleichzeitig hitzige Debatte. Immer wieder blitzt bei den Kontrahenten auch das intellektuelle Vergnügen auf, wenn den Diskussionspartnern eine neue clevere Formulierung oder Zuspitzung gelingt. Über das Ziel sind sie sich dennoch einig: „Ein wesentlicher Teil des Problems ist nicht Unterversorgung, sondern Überversorgung, die nicht im Sinne der Patienten ist.“ 

Weyma Luebbe: „Völlig richtig. Aber als innovative These eignet sich das so noch nicht.“

Paul Brandenburg: „Für viele da draußen ist das nicht trivial: Die denken, das System funktioniert. Dabei wird viel Geld verschwendet. Wie beenden wir das?“

Axel Mühlbacher: „Ohne die Messung des Patientennutzens ist eine Messung der Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung nicht möglich.“

Weyma Lübbe: „Was verstehen Sie unter Wirtschaftlichkeit? Eine Veränderung der Güterverteilung, bei der es mindestens einer Person besser geht und keiner Person schlechter? Oder meinen Sie Umschichtung von Mitteln an den Ort, wo sie am meisten Nutzen erzeugen?“

Axel Mühlbacher: „Und wenn man es so formuliert? Gerechtigkeit sollte sich stets am Patientennutzen orientieren.“

Weyma Lübbe: „Am Nutzen welches Patienten? Darum geht es doch bei Verteilungsfragen. Und dann ist Gerechtigkeit Trumpf, kein Wert unter anderen. Niemand treibt Gesundheitspolitik mit Sätzen wie 'Diese Maßnahme ist zwar ungerecht, aber per saldo ist das eine nützliche Sache'. Und das ist auch gut so."

Axel Mühlbacher: „Also ist die Wirtschaftlichkeit nachrangig zur Gerechtigkeit. Das würde ich aus gesellschaftlicher Perspektive sogar unterschreiben.“

Paul Brandenburg: „Gleichzeitig gilt: Ein verschwenderisches System ist notwendigerweise ungerecht.“

STEP 4: TRANSFER

Normalerweise wird die Debatte am Ende eines Workshop-Tages immer strukturierter. Die Teilnehmer priorisieren mit Methoden die wichtigsten Themen – etwa durch Methoden wie Dot-Voting, bei der man kleine Farbpunkte auf präferierte Ansätze klebt. Es geht um Next Steps, To-dos und Roadmaps. Und natürlich hat auch der B. Braun-Workshop viele Ideen entwickelt, wie das Gesundheitssystem die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besser meistern kann: 

  • Falsche Incentives fördern Fehlallokation von Mitteln. 
  • Kleine, smarte Denkanstöße können Leben retten. 
  • Verbesserung der Gesundheitskompetenz von Patienten – und der Ausbildung der Ärzte und Pflegeberufe.

Aber im werk_39 geht es nicht um die Artefakte, sondern um die dahinterliegenden Prinzipien. Vielleicht muss man grundsätzlich werden. Gerade wenn die Entwicklung so schnell ist, dass es schwerfällt, Chancen von Risiken zu unterscheiden. Und deshalb öffnet sich beim B. Braun-Workshop noch einmal der Fokus. „Das Gesundheitssystem ist natürlich von der Gesellschaft nicht zu trennen“, sagt Ilona Kickbusch. „Gerade weil wir in einer Konsumgesellschaft leben, verlangen alle nach der nächsten Pille, der nächsten Therapie.“ Das bedeutet natürlich im Umkehrschluss: Nur wenn sich die Haltung der Gesellschaft ändert, kann das Gesundheitssystem durch den Einsatz von Zeit, Pflege, Know-how und Technologie entscheidend verbessert werden. Und das ist nicht unmöglich: „Im Bereich der Palliativmedizin hat sich ja zum Beispiel in den letzten fünf Jahren doch viel getan“, meint Florian Sommer. Und erntet große Zustimmung in der Runde. „Der neue Prozess verbraucht weniger Ressourcen und bietet eine bessere Erfahrung für den Patienten.“

Und ist man der Antwort auf die Frage nach einem gerechten Gesundheitssystem näher gekommen? „Gerechtigkeitstheorie ist ein schwieriges und umstrittenes Feld - und trotzdem unverzichtbar“, sagt Weyma Lübbe. „Vieles lässt sich immerhin festhalten, wenn man es sich einmal klargemacht hat. Zum Beispiel, dass es nicht um das Herstellen von Gleichheit geht. Am gleichsten sind wir nämlich, wenn wir alle nicht mehr leben." Kurz herrscht Stille in dem Raum. Alle denken nach. Bei Podiumsdiskussionen und Talkshows kämpfen alle um Redezeit. Hier hört man einander zu. „Manchmal muss man doch Philosoph sein“, sagt Markus Strotmann mit einem nachdenklichen Lächeln. 

„Ich habe viel gelernt. Das Gespräch wird weitergehen.“

– Markus Strotmann, Mitglied des Vorstands der B. Braun Melsungen AG

Ein Workshop ist nie der Endpunkt. Sondern nur der Anfang eines Prozesses. Wurden alle Probleme gelöst? Natürlich nicht. Hat es sich gelohnt? Auf jeden Fall!

Was vom Workshop-Tag übrig bleibt

Der Experten-Workshop im werk_39 war nur der Beginn eines nachhaltigen, spannenden Prozesses. Über folgende Fragen würden wir gerne mit Ihnen diskutieren:

  1. Welche positiven Anreize führen dazu, dass Menschen gesünder leben und das Gesundheitssystem weniger belasten?
  2. Wie erhöhen wir im digitalen Zeitalter die Gesundheitskompetenz von Patienten, Pflegern, Ärzten und Management?
  3. Wie ermitteln wir möglichst rational den Patientennutzen von Behandlungen – und vermeiden Überversorgung?
  4. Welche neuen Technologien machen Hoffnung?
  5. Über welche Werte müssen wir als Gesellschaft diskutieren, um das Gesundheitssystem nachhaltig zu verbessern?

Sie wollen sich an der Diskussion beteiligen?
Schreiben Sie eine E-Mail an lets-talk@bbraun.com.

Wir freuen uns auf Ihren Input.

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