Hospiz

Product Quick Finder

Wählen Sie eine Kategorie oder Unterkategorie.

Tod und Leben sind erst das ganze Sein

Rahel Mann hat keine Angst vor dem Tod. Dabei hätte sie genug Grund dazu, denn sie hat als Jüdin in Berlin den Krieg überlebt. Heute ist die Rastlose ehrenamtlich in einem Berliner Hospiz tätig.

Die inzwischen 79-Jährige blickt auf ein bewegtes Leben zurück, immer im Dienst für andere. Sie arbeitete als Lehrerin, Schriftstellerin, Psychotherapeutin, Ärztin, Heilpraktikerin und spirituelle Beraterin.

Frau Mann, Sie arbeiten als Sterbebegleiterin?

Ich bin seit drei Jahren im Hospiz tätig und betreue auch Patienten zu Hause. Das Hospiz ist dem Wenkebach-Krankenhaus angegliedert. Dort gibt es 15 Betten auf zwei Ebenen. Jeder Patient hat sein eigenes schönes Zimmer, ist aber auch total isoliert. Es gibt Stationen, da können Patienten mit dem Bett in Gemeinschaftsräume gerollt werden. Das finde ich besser. Wenn du nicht mehr aus dem Bett kommst, dann vereinsamst du, auch oder gerade als Sterbender.

Können Sie Ihre Aufgabe beschreiben?

Ich bin für die betreuten Menschen die Hauptbeziehungsperson und wenn ich Glück habe, bin ich auch am Ende da. Der letzte Mann, den ich betreut habe, war wie ich Jahrgang 1937. Er lebte als Deutscher in Amerika, wo er vor neun Jahren die Diagnose Prostatakrebs bekam. Als der Krebs anfing zu streuen, ist er nach Berlin zurückgekommen, um sich hier behandeln zu lassen und zu sterben. Nach drei Tagen im Hospiz wurden die Schmerzen so schlimm, dass er alle vier Stunden Morphine bekam. Er erzählte mir bei meinem Besuch, dass er sich morgens bereits von seiner Tochter verabschiedet hatte, damit sie sein Ende nicht miterlebt. Auch mir sagte er auf Wiedersehen, weil er wusste, dass es mit den Morphinen keine Woche mehr dauern würde. Wunderbar, habe ich da zu ihm gesagt, dann müssen sie nicht lange leiden. Er ist schon in der Nacht darauf gestorben. 

Was hat er so geschätzt an Ihrer Haltung?

Er hat mir gesagt, dass er so dankbar sei, mich als letzten Gruß geschickt bekommen zu haben. Er wollte sich und anderen seinen Verfall nicht zumuten. Das hat mir imponiert und ist mir auch nur dieses eine Mal begegnet. Es ist ein Glück für uns, dass wir durch Alter oder Krankheit abtreten dürfen. Viele Ärzte und Pflegende denken, sie müssten das Leben so lange wie möglich verlängern, aber dieses Dahinvegetieren über Monate oder gar Jahre ist doch furchtbar.

Ich bin kein Mensch, der Hoffnung um jeden Preis aufrechterhalten möchte. Damit ist uns oft nicht gedient. Es gibt den Spruch, Sterbende soll man nicht aufhalten oder Reisende soll man gehen lassen, egal wohin.

Haben Sie für sich vorgesorgt?

Ich habe alles schriftlich festgelegt, damit meine Kinder nicht in Mitleid verfallen und mich nicht Jahre irgendwo liegen lassen. Sollte ich bei Bewusstsein sein, werde ich sofort aufhören zu essen. Dann schlafe ich mit Morphinen friedlich weg. Sollte ich bewusstlos sein, dauert es sicher auch nicht länger, denn ich habe eine Beatmung ausgeschlossen. Außerdem bin ich eingetreten in die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben. Falls es erlaubt sein sollte, Sterbehilfe zu leisten, dürften sie mir etwas geben. 

Mein zweiter Lebenspartner hat sich das Leben genommen, weil er sehr krank war. Er ist aus dem sechsten Stock gesprungen. Ich konnte ihn verstehen und hätte auch damit kein Problem, wenn es keinen anderen Ausweg gäbe. Ich denke, wenn es hart auf hart kommt, bekomme ich auch das geregelt.

Was hat das Arbeiten im Hospiz mit Ihrer Lebensgeschichte zu tun? Haben Sie keine Angst?

Ich bin als Kind mit dem Tod aufgewachsen, er ist für mich selbstverständlich. Jedes Leben endet mit dem Tod. Es gibt die alte jüdische Weisheit, dass Tod und Leben zusammen erst das ganze Leben sind. 

Je älter ich werde, desto froher und leichter kann ich damit umgehen. Mir wird immer wieder bewusst, wie viel ich trotz Krieg geschafft habe an Dingen, die mir wichtig waren. Das ist fast ein Wunder.

Trotzdem – ist es nicht irgendwann einmal genug?

Es klingt vielleicht merkwürdig, aber anderen Menschen in Gesprächen zu helfen, das ganze Leben als schön zu sehen und den Tod als etwas Harmonisches zu erleben, das finde ich ganz wichtig. Die meisten wollen nicht darüber nachdenken. Jemandem zu helfen, das Sterben aus einer anderen Perspektive zu betrachten, empfinde ich als eine wunderbare Aufgabe.

Der Tod gehört letztendlich zur Vollkommenheit. Er hat für mich nichts Unschönes oder Abstoßendes. Wir haben die Neigung nur das Schöne für vollkommen zu halten. Aber das ist falsch. Erst Gut und Schlecht zusammen sind vollkommen.

Was braucht ein Sterbender?

Ein Sterbender braucht die absolute liebevolle Zuwendung. Ohne Worte. Das ist das Allerwichtigste. Und ich sage immer „mit freudiger Hingabe“. Das spüren die Menschen sofort.

Sie vermitteln Ihnen Stärke?

Ja. In dem Moment, wo man beides annimmt, die Stärke und die Schwäche, das Leben und den Tod, da wird man stark. Nicht nur ich, sondern auch der andere. Ich gebe ihm das. Das mache ich gar nicht bewusst. Ich lasse es einfach zu.

Spielt der Glaube an eine Religion eine Rolle?

In den letzten Minuten im Allgemeinen nicht. Ich habe nur ein einziges Mal erlebt, dass ein Mann kurz bevor er starb sagte: „So jetzt ist es gut und Gott kann machen, was er will.“

Ich habe einmal eine Mutter von zwei Töchtern begleitet, die aus der Kirche ausgetreten war. Sie glaubte an nichts und alle machten ihr Vorwürfe deswegen. Ich habe sie bestärkt darin, dass es gut ist, wie es für sie ist.

Glaube ist in meinen Augen eine Ersatzhandlung und verhindert das Urvertrauen in das geistige spirituelle Prinzip. Die alten Hebräer haben das so erklärt: Es gibt eine Urkraft, die in uns ist, wenn wir sterben. Dann leben wir nur noch aus der geistigen Kraft des Universums. Diese verbindet uns alle miteinander. Das finde ich viel wichtiger als eine Konfession. Im Hebräischen gibt es übrigens kein Wort für Glauben. Emona, das Wort, das heute mit Glauben übersetzt wird, heißt eigentlich Vertrauen im Sinne von Urvertrauen.

Was gehört für Sie zu den Todsünden der Sterbebegleitung?

Eine Todsünde wäre für mich, wenn man die Leute zum Essen zwingt.

Haben Sie denn manchmal einen Konflikt zwischen Ihrem „Arztsein“ und dem Begleiten?

Nein. Wenn jemand Hilfe will, um sein Leben noch etwas zu verlängern und besser zu leben, bekommt er sie. Wenn ein Mensch an dem Punkt ist zu sterben, bekommt er Hilfe, um friedlich einzuschlafen. Da aufzutreten und zu sagen „Sie können doch nicht“ oder „Das darf man doch nicht“ halte ich für falsch.

Wenn Sie den Sterbenden besuchen, sind Sie eine Fremde – ist das Vorteil oder Nachteil?

Es ist ein Vorteil. Die meisten Sterbenden haben vor ihren Freunden und Verwandten eine Larve vor dem Gesicht. Sie wollen sich nichts anmerken lassen und „nett“ sterben. Deshalb sterben so viele, wenn der Besuch kurz das Zimmer verlässt. Ich empfinde es als gut, dass ich dem Kranken nicht so vertraut bin als Person. Und als Mensch habe ich entweder sofort einen Zugang oder ich übernehme ihn nicht. Ich bin manchen Menschen zu direkt.

Sie wirken so sicher, haben Sie manchmal das Gefühl, Sie können etwas falsch machen?

Meine Sicherheit gewinne ich, weil ich der Meinung bin, auch wenn ich mich falsch verhalte, ist es gewinnbringend für den anderen. Der andere braucht auch meine Fehler, um selbst entscheiden zu können. Zu denken, ich muss es immer richtig und gut machen, ist Hybris.

Haben Sie einen Wunsch, wenn es so weit ist?

Ich hatte in 1980 einen Herzinfarkt und wünsche mir, dass ich einfach tot umfalle. Ich denke, es wird der richtige Mensch zur richtigen Zeit an meiner Seite sein. Mehr brauche ich nicht.

„Der Tod ist nur eine Verwandlung. Das einem Sterbenden zu vermitteln, ist meine Aufgabe.“

– Rahel Mann
Ein Interview von Andrea Thöne

Die Biografie der Rahel Mann: Die Lebenskraft liegt im Hier und Jetzt

Wer Rahel Mann begegnet, kann nicht ausweichen. Ihr Blick ist offen, sie stellt ohne Scheu persönliche Fragen, bezieht Stellung. Sie will ihr Gegenüber verstehen, ihr entgeht nicht ein Detail. Auch mit 79 Jahren ist sie voller Energie, in ihrer Stimme ist nichts von Alter und Müdigkeit zu spüren. Alles habe einen Sinn, sagt sie und gibt Sterbenden so etwas von ihrer Kraft, wenn sie sie besucht.

Ihre Haltung ist alles andere als selbstverständlich, denn Mann ist ganz früh mit dem Tod konfrontiert. Sie wird 1937 als Berliner Jüdin geboren, ist das Resultat einer Nacht ohne Verpflichtungen. Ihren Vater lernt sie nie kennen, er wird von den Nazis ermordet. In das Leben ihrer Mutter habe sie, wie sie sagt, nicht gepasst. Als ihre Mutter 1941 deportiert wird, halten sie fremde Menschen versteckt und retten ihr damit das Leben. Das letzte halbe Jahr vor Kriegsende überlebt sie in einem Kellerverschlag in einem Haus in Berlin-Schöneberg.

Die Gedenktafel an dem Berliner Haus in der Starnberger Straße erinnert an Rahel Mann und ihre Retterin. Hier überlebte die Jüdin den Holocaust.

Dort bringt Mann sich selbst das Lesen bei, sie lernt autark zu sein, etwas aus der Gegenwart zu machen. Das geht auch nach dem Krieg so weiter. Als ihre Mutter mit einer offenen Tuberkulose viel Zeit im Krankenhaus verbringen muss, ist sie wieder auf sich gestellt. „Macht nischt“, winkt sie ab. Sie sei gern ohne Aufsicht gewesen

Aber dann gibt es auch die andere Seite, Selbstmordversuch mit 17, weil eben doch nicht alles geht. Sie hadert mit der Schuld, überlebt zu haben, schreibt Tagebuch und Gedichte. Das gibt ihr Kraft weiterzumachen: Abitur, Psychologiestudium, Heirat, Medizinstudium, zwei Kinder, Tochter und Sohn, zwei Totgeburten, Scheidung. Schon während des Medizinstudiums arbeitet sie in einer Praxis für Naturheilverfahren. Auch die zweite intensive Partnerschaft geht zu Ende. Für sie selbst kam danach keine Beziehung mehr in Frage. „Männer wollen, wenn sie auch noch so nett sind, bestimmen“, resolut verschränkt sie die Arme. So vollzieht sie 1980 den Weg in die Selbstständigkeit. Mann zieht nach Braunschweig, wo sie eine Praxis für Psychosomatik, Homöopathie und Neuraltherapie eröffnet, nicht als Ärztin, sondern bewusst als Heilpraktikerin – um ihre Freiheit zu erhalten, wie sie sagt. Sie behandelt viele Krebspatienten, die sich von der Schulmedizin abwenden.

„Nicht hoffen und harren, sondern machen“ (Ovid), ist ihr Wahlspruch. Deshalb gibt sie mit 60 Jahren ihre Praxis auf und wandert nach Israel zu ihrer Tochter aus, studiert dort die Kabbala und lernt Hebräisch. Irgendwann lässt die Angst vor Bomben sie nicht mehr schlafen. „Die Durchfälle kamen zurück“, sagt sie. „Willst du dir das wirklich noch einmal antun, Mama?“, habe ihre Tochter da gesagt. So kommt Mann 2007 zurück nach Berlin, zieht von ihrem Haus am Meer in Aschdod in ihre Einzimmerwohnung im fünften Stock im Berliner Westen. Hier sei sie dem Himmel ganz nah.

Mann scheut nicht die Auseinandersetzung mit dem Sterben und beginnt – zusätzlich zu ihrem Engagement als Zeitzeugin in Schulen und Universitäten – eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin. Es helfe, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Sie macht selbst dann weiter, als sie 2014 mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert wird. Ihre Arbeit als Hospizbegleiterin sei ein Dienst am Menschen. Sie gebe anderen ihre Kraft, damit diese der Situation doch etwas Positives abgewinnen können. „Es war als Kind im Keller eine wichtige Erkenntnis für mich, dass ich mir mit Jammern nur selbst das Leben schwer mache“, sagt sie. Angst vor dem Tod habe sie danach nie mehr gehabt. Er sei immer ihr Freund gewesen. „Der Tod ist nur eine Verwandlung. Das einem Sterbenden zu vermitteln, ist meine Aufgabe.“