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„Lebensqualität ist ein entscheidendes Therapieziel!“

Prof. Dr. med. Arved Weimann über parenterale Ernährung in Deutschland

Aufgrund von Morbus Crohn, einer entzündlichen chronischen Darmerkrankung, ist bei dem Patienten im Film "Appetit auf Leben" der Darm in mehreren Operationen gekürzt worden, so dass er nicht mehr ausreichend Nahrung aufnehmen kann und parenteral ernährt werden muss. Können Sie zu der Diagnose Kurzdarm-Syndrom etwas sagen?

Weimann:
Dies ist eine seltene aber leider immer wieder auftretende Komplikation eines längeren Verlaufs bei M. Crohn. Bei längerem Restdarm ist immer auch das Vorhandensein von einem Stück Dickdarm von Bedeutung. Oftmals kann man den Kurzdarm trainieren und "rehabilitieren", so dass die parenterale Ernährung nicht von Dauer ist. Bei einer Restlänge des Dünndarms von 20 cm ist eine ausreichende orale/enterale Ernährung definitiv nicht mehr durchführbar. In solchen Situationen ist die parenterale Ernährung wirklich lebensrettend. Gerade für solche Patienten wurde auch die parenterale Ernährung durch die US-amerikanische Arbeitsgruppe um Stanley J. Dudrick experimentell in den späten 60er des letzten Jahrhunderts entwickelt. Nach Dudrick ist auch das Krankenhaus in Krakau benannt, das eine Referenzeinrichtung in Polen ist.

Gibt es andere Patienten, die ausschließlich parenteral ernährt werden müssen?

Weimann:
Die Indikation für eine total parenterale Ernährung (TPN) ist insgesamt selten - zumeist kann die Ernährung oral/enteral/parenteral kombiniert erfolgen. In der Onkologie kann dies bei besonderen Fällen einer Peritonealkarzinose zutreffen. Die gerade erschienene aktualisierte DGEM Leitlinie sagt: "Eine langfristige künstliche Ernährung sollte bei relevanter chronischer Einschränkung der Nahrungsaufnahme oder -absorption als ambulante enterale oder parenterale Ernährung erfolgen". Für die parenterale Ernährung gilt, dass die oralen und enteralen Zufuhrmöglichkeiten einschließlich intensiver Diätberatung im Stufenschema wirklich ausgeschöpft sind. Dies trifft dann zu, wenn nicht mehr als 60-75% des Energiebedarfs auf oralem/enteralem Wege aufgenommen werden können. Natürlich muss dies sehr individuell mit dem Patienten besprochen und abgestimmt werden.

Stichwort Lebensqualität, Compliance, Sicherheit: Was ist der wichtigste Aspekt in einer Ernährungstherapie?

Weimann: Natürlich sind alle Aspekte wichtig. Lebensqualität ist ein entscheidendes Therapieziel, Compliance des Patienten ist zur Vermeidung von Komplikationen unbedingt erforderlich. Sicherheit ist nur realisierbar durch ein geschultes Umfeld, das neben dem Patienten und seiner Familie Hausarzt, niedergelassenen Ernährungsmediziner und besonders den Pflegedienst, aber auch den Home Care Provider einbezieht. Da infektiöse Katheterkomplikationen ein Hauptproblem sind, bedarf es zum Komplikationsmanagement der Anbindung an eine klinische Ernährungsambulanz mit infektiologischer Erfahrung im Hintergrund.

Ein Mensch wird zu Hause parenteral ernährt. Gibt es die notwendigen Strukturen in Deutschland für eine flächendeckende Versorgung?

Weimann: Entlassungsmanagement und Überleitung aus dem Krankenhaus in eine künstliche Heimernährung mit professioneller Versorgung durch einen "Home Care Service" sind in Deutschland nahezu flächendeckend etabliert. In der Entwicklung und nach meiner Auffassung dringend erforderlich sind noch allgemein verbindliche und transparente Qualitätsstandards. Wichtig ist mir an dieser Stelle auch der Hinweis auf die aktualisierten Leitlinien der DGEM. Neben der Onkologie sind dies auch "Gastroenterologie - Chronisches Darmversagen" und zur "Künstlichen Ernährung im ambulanten Bereich", die Sie unter www.dgem.de finden.

Zur Person 

Prof. Dr. med. Arved Weimann ist seit 1999 Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie mit Abteilung Klinische Ernährung des Klinikums St. Georg in Leipzig. Von 2008 bis 2010 hatte er die Präsidentschaft der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) inne. In 2010 absolvierte er den Master of Arts für Medizinethik der Universität Mainz.