Eine Geschichte über den Kampf gegen Keime

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"Komplizierte Patienten werden oft an den Rand der Versorgung gedrängt"

Prof. Dr. Rudolf Ascherl über die Gefahr von Infektionen bei endoprothetischen Eingriffen und Lösungsansätze aus seiner Spezialklinik in Tirschenreuth

Die Wechselendoprothetik, besonders bei Patienten mit Infektionen der Knochen und Gelenke, ist ein hochspezialisierter Arbeitsbereich innerhalb der Orthopädie und wird bundesweit nur an wenigen Zentren durchgeführt. Aufgrund der deutlichen Zunahme von Endoprothesen in den letzten Jahren sowie des demographischen Wandels ist mit einem Ansteigen der Zahl der Prothesenwechsel zu rechnen.

Prof. Dr. Rudolf Ascherl leitet seit Oktober 2014 die Klinik für spezielle Chirurgie und Endoprothetik am Krankenhaus in Tirschenreuth. Der Spezialist für septische Chirurgie und sein Team behandeln durchschnittlich 25 bis 30 Patienten mit Komplikationen, Infektionen und Instabilitäten nach Gelenkersatz oder am Knochen nach Knochenbrüchen mit Heilungsstörungen - so auch Margitta Schmidt. Ascherl äußert sich im Gespräch mit B. Braun zu ihrer Krankengeschichte, der Gefahr von Infektionen bei endoprothetischen Eingriffen allgemein und stellt seinen Lösungsansatz vor. 

Herr Prof. Ascherl, können Sie etwas zur Krankengeschichte von Frau Schmidt sagen?

Ascherl: Frau Schmidt hat nach einer Hüftoperation einen Infekt mit einem sogenannten resistenten Keim erlitten. Später kamen dann noch andere Keime hinzu. Wenn mehrere Keime eine Infektion erzeugen, dann ist das schon sehr dramatisch. Bakterien lieben die Oberfläche von Fremdkörpern, haften auf der Oberfläche und bilden einen Biofilm. Um eine derartige Situation zu sanieren, sind oft mehrere Operationen nötig. Sanieren bedeutet nicht heilen, aber den Patienten so vorzubereiten, dass durch die chirurgischen Maßnahmen und Begleittherapien eine Reimplantation, also ein erneuter Einbau des künstlichen Gelenkes, möglich wird.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Krankheitsverlauf ?

Ascherl: Wir sind mit dem Krankheitsverlauf sehr zufrieden. Wenn man bedenkt, dass es ein halbes Jahr gedauert hat, bis sie soweit gekommen ist, wie sie jetzt ist, und immer noch die erneute Erkrankung droht.

Sie sehen sehr viel Patientenleid. Wo sehen Sie die größten Probleme?

Ascherl: Diese Patienten werden allein gelassen in unserer Gesellschaft und in unserem System. Der komplizierte Patient wird ein bisschen marginalisiert und an den Rand der Versorgung gedrängt,  weil er aufwendiger ist - personell, zeitlich und natürlich auch finanziell. Das ist das Hauptproblem. Ich glaube nicht, dass es die Kunstfertigkeit der Operateure ist. Wir haben die Implantate und die diagnostischen Voraussetzungen. Es ist häufig eben so, dass diese Patienten nicht ganz finanziert sind. Aber deshalb müssen wir es trotzdem machen.

Bundesminister Gröhe fordert ein generelles Screening von Patienten, wie stehen Sie dazu?

Ascherl: Es ist ein Teil der Vorbereitung. Sicherlich hat er sich auch Gedanken gemacht über die Finanzierung. Es ist wichtig, dass wir nicht mit dem Vergrößerungsglas nur auf den MRSA-Keim losgehen, wie es bisher war, sondern dass wir in das Screening auch andere Keime einbeziehen, die uns Probleme bereiten. Die haben wir vielleicht auch bisher etwas unterschätzt - allgemein und nicht nur im Krankenhaus. Und wenn wir vor der Operation Zeit haben, dann sollten wir die Patienten vom Hautbefund her gut vorbereiten.

Was meinen Sie damit? Können Sie uns Ihr Konzept erläutern?

Ascherl: Mit unserem Konzept „don‘t screen, but clean“ wollen wir die Patienten vor der Operation über die Bedeutung der Haut in der Infektionsprophylaxe vorbereiten und unterrichten. In unserer Patientenschule „mobile“ erhalten die Patienten alle notwendigen Hinweise, wie die Haut vor einer Operation beschaffen sein muss und auf was sie achten müssen. Gibt es Infektionen, kleine Kratzspuren durch Gartenarbeit oder Haustiere, Pickel? Sind die Hautfalten gereinigt? Manchmal bildet sich z. B. in der Achselhöhle oder in der Leistenfalte ein kleiner Pilzherd, der Ursache sein kann für eine spätere Infektion. Auch der Zahnstand und die Mundhöhle sind wichtig. Wir raten deshalb den Patienten, vor einer Operation noch einmal zum Zahnarzt zu gehen.

Anschließend werden die Patienten angeleitet, kurz vor dem operativen Eingriff eine Reinigung mit Waschlotionen vorzunehmen. Dabei sollen nicht nur die Haut, sondern auch die Haare gewaschen und die Mundhöhle mehrmals gespült werden. Die Patienten kommen dann in einem weitgehenden Ausmaß dekontaminiert ins Krankenhaus. Das heißt, das, was wir eigentlich suchen beim Screening, sollte schon bereinigt sein, durch die Patientenvorbereitung zuhause.

Über Prof. Dr. Rudolf Ascherl

Ascherl leitet seit Oktober 2014 die Klinik für spezielle Chirurgie und Endoprothetik am Krankenhaus in Tirschenreuth. Der Spezialist für septische Chirurgie und sein Team behandeln durchschnittlich 25 bis 30 Patienten mit Komplikationen, Infektionen und Instabilitäten nach Gelenkersatz oder am Knochen nach Knochenbrüchen mit Heilungsstörungen. Die Wechselendoprothetik, besonders bei Patienten mit Infektionen der Knochen und Gelenke, ist ein hochspezialisierter Arbeitsbereich innerhalb der Orthopädie und wird bundesweit nur an wenigen Zentren durchgeführt. Aufgrund der deutlichen Zunahme von Endoprothesen in den letzten Jahren sowie des demographischen Wandels ist mit einem Ansteigen der Zahl der Prothesenwechsel zu rechnen. Prof. Ascherl möchte in Tirschenreuth „ein beispielhaftes Versorgungsmodell auf hohem Niveau für diese schwierigen Behandlungen" aufbauen. Ascherl ist mit der Region in der Oberpfalz eng verbunden. Er hat seine Kindheit dort verbracht.