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Wie viel Verantwortung tragen Patient*innen für ihre eigene Gesundheit?

Der technologische und demographische Wandel stellt das Gesundheitssystem vor nie dagewesenen Aufgaben.

Um herauszufinden, in welchem Umfang Menschen im 21. Jahrhundert selbst für ihre Gesundheit verantwortlich sind, und was sie brauchen, um diese wahrzunehmen, luden wir Expert*innen aus Medizin, Krankenkassen und Gesundheitswirtschaft gemeinsam mit Patient*innen zu einem Workshop: Im Innovationslabor „Neue Denkerei“ in Kassel arbeitete der transdisziplinäre Expertenkreis ohne Denkverbote und Scheuklappen an neuen Lösungen für neue Herausforderungen. 

Nur auf eine Nachfrage zu seiner Präsentation kennt Dr. Stefan Bösner keine Antwort. Gerade hat der Allgemeinmediziner und Universitätsprofessor aus Marburg mit Hilfe von Rollenspielen, Bildern und Legosteinen eine neue Idee vorgestellt, wie Patienten dazu gebracht werden könnten, sich besser um ihre Gesundheit zu kümmern. Das Produkt hat der 53-jährige gemeinsam mit einer Krankenkassenvertreterin, einer Stoma-Patientin und einem IT-Unternehmer entwickelt. Wie das denn heißen soll, will die Workshop-Leiterin Zwetana Penova von der Innovationsagentur zero360 wissen. Bösner zuckt mit den Achseln. Scheint zu fragen: Ist das wirklich wichtig? Ist nicht viel interessanter, ob das Produkt in der Realität funktionieren würde?
„Healthpal“, schlägt einer aus der Gruppe vor. Stefan Bösner lächelt. Nicht schlecht.

 
 

Sechs Stunden zuvor: Zehn Menschen aus ganz Deutschland treffen sich zum ersten Mal im Co-Creation-Space „Neue Denkerei“, einer ehemaligen Druckerei in der Innenstadt von Kassel. Hohe Wände, schwere Stahlträger, viele Stellwände mit bunten Grafiken und Workshop-Materialien. Jeder der Teilnehmer*innen hat eine ganz besondere Expertise – Big Data, medizinisches Fachwissen, User Experience (UX), Philosophie, Management und vor allem: Lebenserfahrung. Denn jeder Mensch ist ein potenzieller Patient, und hat ein Interesse daran, dass unser Gesundheitssystem noch lange funktioniert.

„Wir stehen vor einem Problem, das wir nur gemeinsam lösen können“, sagt Dr. Meinrad Lugan, B. Braun-Vorstand. Die Gesundheitskosten steigen Jahr für Jahr. Während die Behandlungen immer technischer und teurer werden, haben schon heute 56 Prozent der Menschen eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz und können sich im hyperkomplexen System kaum orientieren. „Wir wollen heute keine Monologe halten“, gibt Lugan das Motto vor, „sondern in den Dialog treten.“ An der Stellwand stehen die Forschungsfragen des Tages:
(1) Wie kann das System den einzelnen Menschen ermächtigen, seine Gesundheit zu bewahren?
(2) Und wie viel Verantwortung trägt überhaupt der Einzelne?
Die Teilnehmer bilden zwei Gruppen: Das Team „Nutzer“ und das Team „System“. In den folgenden Stunden wird der Status quo von zwei Seiten, bottom up + top down, unter Beschuss genommen.

 

10.45 Uhr: Was Menschen antreibt

In einer Ecke des Raums sitzen B. Braun-Vorstand Meinrad Lugan, der Medizinethik-Professor Dominik Groß und die UX-Spezialistin Claudia Sinnig auf einer Art Holztribüne und hören Timo Hertwig zu: Der 39-jährige Maschineneinrichter aus Nordhessen wog noch vor wenigen Jahren 150 Kilogramm und landete mit Bluthochdruck und einem Darmriss im Krankenhaus. „Ich wusste es, kann so nicht weitergehen“, erzählt Hertwig. „Erst machte ich Spaziergänge, dann fing ich mit dem Laufen an. Kleine Ziele, die erreichbar schienen.“ Seine Workshop-Kolleg*innen sind emphatisch und beeindruckt: vor allem, weil man dem schlanken, sportlichen Mann mit den wachen Augen diese Biografie nicht ansieht. „Für Mediziner gibt es nichts Besseres als selbstwirksame Patienten“, sagt Dominik Groß. Die Workshop-Gruppe will nun Wege finden, dass sich Timos Erfolgstory möglichst oft reproduzieren lässt. Der Konsens: Die Welt ist bereit für gute Ideen.  

 

Claudia Sinnig: „Gesundheit, Achtsamkeit, Klimaschutz sind doch aktuell total hip – oder ist das nur meine Berliner Blase?“

Dominik Groß: „Früher waren die Gaulloise-Zigaretten eine Ikone der Intellektuellen. Heute kann man sich als Raucher kaum mehr blicken lassen an der Universität.“

Meinrad Lugan: „Aber: Was ist denn eigentlich Gesundheit? Geht es uns um die medizinische Definition oder das subjektive Wohlempfinden der Menschen?“

Ein erster Lerneffekt: Bevor man sich an die Problemlösung macht, muss man ein gemeinsames Verständnis der Aufgabe entwickeln. Auch die andere Arbeitsgruppe widmet sich der Dekonstruktion: „Mein erster Ansatz wäre ja, die Frage auseinander zu nehmen“, sagt Julia Schröder, Präventionsexpertin der BKK.

Stefan Bösner, Allgemeinarzt: „Eine oft verschwiegene Tatsache: Nicht alle Ärzte wollen informierte Patienten. Denn wenn Menschen ermächtigt werden, dann muss auch jemand Macht abgeben.“

Julia Schröder: „Die meisten Präventionsprogramme erreichen nur Menschen, denen es eh schon gut geht und verstärken so noch den ‚Social Gap‘. Die Frage ist doch: Warum reagieren Menschen in prekären Verhältnissen nicht auf die Angebote?“

Stefan Bösner: „Das hat auch Gründe, die jenseits des Gesundheitssystems liegen. Eine dreifache, alleinerziehende Mutter hat oft keine Zeit für Prävention.“

Jan Hacker, Unternehmer: „Das, was man dafür bekommt, ist so unklar. Führt Joggen zu einem besseren Blutdruck? Oder zu Arthrose im Knie? Wie geht man mit dem Problem der sogenannten ‚verspäteten Vergütung‘ um?

Ekkehard Mittelstaedt, Geschäftsführer MGS GmbH: „Man muss schon konstatieren: Nicht wissen wollen ist ein Menschenrecht. Aber es muss sichergestellt werden, dass die Konsequenzen aus dieser Entscheidung jedem Einzelnen klar sind.“

Stefanie Hirsch, Sachbearbeiterin bei einer Versicherung und Stoma-Patientin: „Die Informationsangebote werden flächendeckend verstreut. Ein Arbeitnehmer braucht andere Infos als ein Jugendlicher. Oft frage ich mich beim Lesen einer Broschüre: Bin ich überhaupt gemeint?“

 

11.30 Uhr: Ein Kern des Problems

Die Workshop-Gruppe findet sich im Plenum zusammen, einer Art Mini-Parlament, in dem zwischen den Working Sessions die Ideen vorgestellt und die nächsten Schritte diskutiert werden. Nachdem die grundsätzlichen Probleme identifiziert wurden, leitet man daraus Aufgaben ab: „Wie können wir ______ unterstützen, _______ zu erreichen?“ Die Workshop-Teilnehmer*innen werfen nun Ideen an die Wand. Bald bildet sich ein buntes Kachel-Mosaik an den Stellwänden. Zwetana Penova sagt: „In diesem Schritt geht es um Quantität und nicht um Qualität. Schreibt einfach auf, was euch in den Kopf kommt.“
 
Das Team „Nutzer“ hat sich zum Ziel gesetzt, ein Produkt zu erdenken, das einem
15-25-jährigen Digital Native mit Hang zum Übergewicht hilft. Die Post it-Zettel fliegen nur so an die Wand:
• Schulfach Ernährung
• Elterntraining
• Instagram-Tagebücher Betroffener
• Augmented Reality-Wettbewerbe in Freundeskreisen starten
• Kostenloses Fitness-Studio
• CO2-Zertifkikate für Jogging-Runden 
• …

 

Nach zehn Minuten stehen die vier Expert*innen vor der bunten Stellwand und versuchen, die Ideen in Kategorien wie Erziehung, Anreize und Zwang zu clustern. Letzteren Weg lehnen alle ab. Und nicht nur, weil auf einem Zettel „Neuro-Implantat“ steht (dahinter hat der Autor oder die Autorin gekritzelt: „geht gar nicht“). In diesem Workshop gibt es keine Denkverbote.

In der zweiten Gruppe kämpft man noch mit der Größe der Aufgabe. „Wir sind ein Team von Philosophen“, meint Ekkehard Mittelstaedt, Geschäftsführer von MGS E-Portal GmbH und langjähriger Geschäftsführer des Bundesverbandes Gesundheits-IT. Sie setzen nicht beim Patienten oder Menschen an, sondern fragen sich, welche Tools die Akteure des Gesundheitssektors benötigen, um Patient*innen besser unterstützen zu können.

 
 

Ekkehard Mittelstaedt: „Wir brauchen im Gesundheitsbereich auf jeden Fall einen dynamischen Wettbewerb der Methoden, statt immer auf eine große Lösung zu warten, die nie kommt.“

Julia Schröder: „Ein Gesundheitsunterricht in den Schulen könnte systematisches und fachliches Wissen vermitteln: Bewegung, Ernährung, Digitalisierung.“

Jan Hacker: „Sind die Lehrer mit ihrer hohen Burn Out-Quote wirklich die besten Kommunikatoren für Gesundheitsinformationen?“

Stefan Bösner: „Es gibt so viele Informationen und Tutorials. Statt neuer Projekte wünsche ich mir als Arzt manchmal eine Art Meta-Suchmaschine, die das alles filtert und zugänglich macht.“

 

13 Uhr: Eine Idee nimmt Form an

Das Workshop-Team trifft sich erneut im Plenum. Es gibt nun viele Ideen. Aber wie macht man sie greifbar und testet sie? „Die Zukunft ist zu komplex, um genau durchdacht zu werden“, sagt Zwetana Penova. „Deshalb hilft es, erst einmal ein Szenario aufzuzeichnen oder zukünftige Bilder zu visualisieren.“ In einem ersten Schritt bewerten die Gruppen nun die vorliegenden Ansätze mit Adjektiven wie „empathisch“, „innovativ“ und „realistisch“ – dann wählt jedes Team eine Idee aus, die zu einem Prototyp ausgearbeitet werden soll. Penova gibt ihnen noch einen Ratschlag mit: „Fragt nicht ‚Was spricht gegen die Idee?‘ Sondern eher: ‚Wie könnte sie aussehen?‘“

 

Auf einem Tisch liegen Lego Play-Steine und -Figuren und sogenannte Scenes-Bilder, die bei dem Softwarekonzern SAP für die Innovation entwickelt wurden: Bilder von Smartphones, Menschen, Häuser, Städte. Keiner der Teilnehmer*innen findet es komisch, sich mit Spielzeug oder Bastelarbeiten zu beschäftigen. Es wird viel gelacht. Endlich: Machen statt diskutieren.

Das Team „Nutzer“ arbeitet an einer Augmented Reality-App, die einen Fitness-Score für einen Nutzer errechnet. Die UX-Designerin Claudia Sinnig nimmt eine kleine Lego-Figur, die das Auto links liegen lässt und mit dem Rad in die Stadt fährt. Das System – symbolisiert durch ein Smartphone-Icon – erkennt das automatisch und belohnt die Entscheidung: auf einer kleinen Papier-Denkblase erscheint ein neuer Wert: +100 Punkte.

 

Meinrad Lugan: „Um die Leute zum Mitspielen zu bringen, könnten betroffene Influencer auf Instagram ihre Story erzählen.“

Timo Hertwig: „Es ist wichtig, dass man sich mit anderen messen kann.“

Claudia Sinnig: „Der Score darf nicht zu virtuell sein. Geld ist immer noch der beste Anreiz. Können wir den Score mit dem Finanzamt oder den Kassen verknüpfen?“

Dominik Groß: „Die Teilnahme an so einem System muss natürlich freiwillig sein. Wir wollen keinen gläsernen Patienten. Und es dürfen keine unverschlüsselten Daten an die Kassen gehen.“

 

15 Uhr: Vorhang auf für die Zukunft

Nachdem das Team „Nutzer“ ihre Idee dem Plenum präsentiert hat, folgt der Prototyp von Team „System“. Das Team „System“ visualisiert den Prototyp ebenfalls in einem komplexen Setting: Und sie nutzen ganz ähnliche Icons und Symbole – Dollar-Zeichen, Smartphones und Sportgeräte. Team „Nutzer“ und Team „System“ scheinen sich aus zwei Richtungen einer verwandten Lösung zu nähern. Das Team „System“ beginnt mit einem Rollenspiel. Stefanie Hirsch, seit zwei Jahren Stoma-Patientin, trifft auf den Allgemeinmediziner Stefan Bösner. Die Stimmung ist locker. Man hat sich in den vergangenen Stunden gut kennengelernt. 

 

Stefan Bösner: „Guten Tag, gut sehen Sie aus. Was kann ich für Sie tun?“

Stefanie Hirsch: „Nach der letzten OP fühle ich mich immer noch schlapp.“

Stefan Bösner: „Sie haben ja auch viel Gewicht verloren. Was halten Sie davon, wenn wir uns das schöne Ziel setzen, dass Sie in den nächsten drei Monaten fünf Kilogramm zulegen? Ich würde Ihnen ein Rezept und ein Programm ausstellen.“

Stefanie Hirsch: „Ja, klingt gut!“

 

Die Szene bricht ab. Der Ökonom Ekkehard Mittelstaedt tritt vor. „Ein Vertrag wurde geschlossen“, sagt er, fast ein wenig feierlich. Das Produkt, das die Gruppe später „Healthpal“ taufen wird, belohnt wie die Paypal-Karte das Verhalten der Teilnehmer. Mittelstaedt erklärt das Prinzip: „Nehmen wir an, die Therapie kostet 100 Euro. Dabei tragen Patienten immer einen Anteil von 10 Prozent. Wenn sie aber die mit dem Arzt vereinbarten Ziele durch Disziplin und therapiegerechtes Verhalten erreicht, dann erhalten sie Healthpal-Punkte, die bei der Kasse eingelöst werden können. Den Erfolg der Therapie merkt Frau Hirsch nicht nur auf der Waage, sondern auch im Geldbeutel.“

Eine spannende Idee, findet die Gruppe. Weil es sich um eine individuelle Zielsetzung handelt, die unterschiedliche Lebenssituationen und Definitionen von Gesundheit und Behandlungserfolg einschließt. Weil sie Anreize setzt, sich therapiekonform zu verhalten. Und weil sie Ärzt*innen als Vertrauenspersonen zwischen Patient*innen und Kasse stellt, der die Einhaltung der Ziele unabhängig überwacht. Die Kassen könnten andererseits profitieren, weil teure Folgekosten reduziert werden und man durch die Daten einen Überblick über erfolgsversprechende Therapien erhält. Der Healthpal-Prototyp ist zweifelsfrei neu und innovativ – und: machbar?

 

Epilog

Am Ende der Veranstaltung kommen alle noch einmal im Plenum zusammen. Ein wenig müde, aber ganz schön zufrieden. Fast scheinen die Teilnehmer*innen selbst überrascht, wie weit man an einem Tag kommen kann, wenn man die Komfort-Zonen und alten Denkmuster hinter sich lässt.

Dominik Groß: „Wir nehmen uns im Alltag zu wenig Zeit für ergebnisoffene Kreativität“.

Julia Schröder: „Es tut gut, mal aus den Silos auszubrechen und die vorgefertigten Talking Points zur Seite zu legen.“

Timo Hertwig: „Ich glaube, die Formel lautet: Große Ziele, kleine Schritte.“

 

Was bleibt also von dem Workshop-Tag? Ein Gefühl der Offenheit und Freiheit vielleicht, das sich im Alltag hoffentlich nicht sofort wieder verflüchtigt. Die Erkenntnis, dass heterogene und transdisziplinäre Gruppen immer wieder Überraschendes hervorbringen. „Die Idee, CO2-Zertfikate für Spaziergänge und Radtouren zu erhalten, fasziniert mich nachhaltig“, sagt der B. Braun Vorstand Meinrad Lugan. Es sei schon interessant, meint Julia Schröder, „dass beide Prototypen die Krankenversicherung wie wir sie seit Bismarck kennen, ein Stück weit hinter sich lassen. Das wäre ein echter Change.“ Nun kann man so ein komplexes und interdependentes System wie den Gesundheitssektor nicht mit einem Knopfdruck neu starten. Aber das ist kein Grund, bewegungslos zu verharren. „Diese Agilität im Kopf und im Handeln“, sagt Meinrad Lugan, „ist gerade für große Konzerne wie B. Braun wichtig.“ Er kann sich gut vorstellen, dass innerhalb der Betriebskrankenkasse solche individuellen Gesundheitsziele ausprobiert werden, wie sie etwa das Team „System“ vorgeschlagen hat. In einer der nächsten Vorstandssitzungen stehe das Thema ohnehin auf der Agenda. Er sagt: „Wenn ich eines heute gelernt habe, dann das: Wir haben keinen Mangel an Ideen, sondern einen Mangel an Raum.“