Organspende ist eine Gewissensfrage

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Organspende ist eine Gewissensfrage

Alexis Russopulos hofft, bald eine Organspende zu erhalten – so wie Gertrud Schmidt, der vor 24 Jahren erfolgreich eine Niere transplantiert wurde..

Regelmäßige künstliche Blutwäsche ist nicht mehr nötig

Die besten Weihnachtsplätzchen ihres Lebens waren die von 1994. „Mit Nüssen und Schokolade“, erinnert sich Gertrud Schmidt genießerisch. Es war das erste Weihnachtsfest nach ihrer Nierentransplantation, durch die sie viele Freiheiten zurück erhielt – weit mehr als nur die, keine strenge Diät mehr halten zu müssen. Sie konnte wieder freier über ihre Tage verfügen. Denn die regelmäßige künstliche Blutwäsche im Dialysezentrum war nicht mehr nötig: „Die mehrstündigen Termine an drei Abenden pro Woche hatten meine sozialen Kontakte sehr eingeschränkt“, sagt die 62-Jährige. Sie genoss es, wieder unkomplizierter reisen zu können: „Man lernt schnell mit der Situation umzugehen“, sagt sie und meint damit vor allem das strenge Hygienegebot, das sie bis heute einhalten muss. Im Urlaub wählt sie ausschließlich Unterkünfte, von deren Sauberkeit sie überzeugt ist. Toiletten in Zügen oder Restaurants versucht sie zu vermeiden. Auch die Verhaltensweisen im Arbeitsumfeld haben sich nach über als 25 Jahren gut eingespielt. Sind Kollegen beispielsweise erkältet, hält Gertrud Schmidt sich fern, Händeschütteln umgeht sie sowieso. „Das wird manchmal als unfreundlich empfunden“, sagt die langjährige Pressesprecherin der Stadt Dillingen im Saarland. Wichtig sei, dass das Umfeld mitspiele. „Meine Kollegen waren immer informiert“, sagt sie. Dass in Zeiten von Covid 19 generell auf den Händedruck verzichtet wird, kommt ihr entgegen.

Dr. Wolfgang Bieser kann den Erfolg der Transplantation bei seiner langjährigen Patientin Gertrud Schmidt nur bestätigen. Ihre Nierenfunktion gleiche heute der eines gesunden Menschen: „Wer sich ihre Laborwerte ansieht, kann daraus nicht ablesen, dass sie mit einer transplantierten Niere lebt“, sagt der ärztliche Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums Saarbrücken und fügt hinzu: „Patienten, die eine Nierentransplantation hinter sich haben, halten sich in der Regel gewissenhaft an alle Vorgaben, weil sie so glücklich sind über die wiedererlange Lebensqualität.“ 

Alexis Russopulos wartet auf eine Spenderniere

Alexis Russopulos hofft, bald ähnliches erleben zu dürfen: Der 43-Jährige ist seit zwei Jahren Dialysepatient und wartet auf eine Spenderniere. Als er 14 war, fanden Ärzte heraus, dass er Zystennieren hat – eine erblich bedingte Erkrankung, die in der Regel um das 40. Lebensjahr herum zum Nierenversagen führt. Anders als Gertud Schmidt muss Alexis Russopulos jedoch nicht mehrmals wöchentlich zur künstlichen Blutwäsche, sondern führt zu Hause eine sogenannten Bauchfelldialyse selbst durch: Über einen Katheter verbindet er sich vor dem Schlafengehen mit seinem Dialysegerät, sein Blut wird über Nacht gereinigt. Nur wenige Patienten erfüllen die nötigen gesundheitlichen Voraussetzungen für die Bauchfelldialyse. Für Alexis Russopulos bedeutet sie eine große Erleichterung gegenüber einer sogenannten Hämodialyse wie Gertrud Schmidt sie durchführen musste: „Ich spare mir die Fahrten und die Zeit in der Klinik, das sind rund 20 geschenkte Stunden pro Woche“, sagt er. Die nutzt er unter anderem für seine beiden zwei und sechs Jahre alten Kinder oder für Arbeiten an Haus und Garten.

Beruflich ist Alexis Russopulos als Kundenbetreuer eines weltweiten Mobilfunkanbieters viel unterwegs – und hat auch für die Blutwäsche auf Reisen Lösungen gefunden. „Wenn ich nur eine Nacht von zu Hause weg bin, muss ich nicht dialysieren. Werden es ein paar Tage, habe ich Zwei-Liter-Beutel mit Dialyseflüssigkeit bei mir, die ich mir im Abstand von vier Stunden verabreichen muss.“ Macht er mit der Familie Urlaub, lässt er sich sein Dialysegerät nachschicken: „Letztes Jahr waren wir in Schweden. Am Tag, als wir ankamen, war das Dialysegerät schon da, am letzten Urlaubstag wurde es wieder abgeholt“, erzählt er. „Das hat gut geklappt und wird sicher auch weiterhin klappen.“

So gut er sich auch mit den Umständen arrangiert, wünscht er sich doch baldmöglichst ein Spenderorgan. Doch davon gibt es in Deutschland viel zu wenige. Mehr als 9.000 Menschen stehen nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf der Warteliste. 2019 gab es 932 postmortale Organspenderinnen und Organspender – Menschen, denen nach dem Tod auf Basis ihrer zu Lebzeiten erteilten Einwilligung Organe entnommen wurden. 

Wie viele Betroffene verfolgte Alexis Russopulos mit großem Interesse die Diskussion um die neue Gesetzgebung Ende letzten Jahres. Hier ging es vor allem um die Frage „Widerspruchslösung“ oder „Erweiterte Zustimmungslösung“ – der Bundestag entschied sich für letzere. „Diese Debatte fand ich wichtig. Das hat mir geholfen, im Freundes- und Kollegenkreis offener mit dem Thema umzugehen“, sagt Alexis Russopulos. Mit Blick auf Österreich oder Spanien, wo die Widerspruchslösung gilt, fügt er hinzu: „Hier würde ich mir von den Deutschen mehr Solidarität wünschen.“ Auch Gertrud Schmidt hat es bedauert, dass die Widerspruchslösung keine Mehrheit fand. Eine Spendenbereitschaft sei unterschwellig vorhanden, meint sie, doch viele Menschen hätten bei dem Thema Berührungsängste. „Wenn jemand sich damit befasst hat und kein Organspender sein möchte, kann ich das voll und ganz akzeptieren“, sagt sie. „Aber dass die Menschen sich gar nicht erst damit auseinandersetzen und unüberlegt eine Organspende ablehnen, ist das für mich nicht nachvollziehbar.“ Wer Betroffene kenne, bei dem setze oft ein Umdenken ein. 

Privatdozent Dr. Marc-Alexander Burmeister, Vorsitzender der Geschäftsführung der B. Braun Deutschland, weiß, dass es auf die Frage „Organspende – ja oder nein?“ keine einfache Antwort gibt. Als Arzt und Intensivmediziner ist er dafür, wohl wissend, dass er diese Haltung nicht von anderen verlangen kann. „Es ist eine Gewissensfrage“, sagt er. „Jeder Mensch muss das für sich entscheiden. Das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung gilt es zu respektieren.“ Wichtig sei es, immer wieder zu diskutieren, und zwar auf verschiedensten Ebenen: im Bundestag, in den Familien, in der Gesellschaft. „Auch wir als Unternehmen können zur Auseinandersetzung anregen, ohne uns zu positionieren. Es geht um die Wertschätzung der Meinung jedes Einzelnen.“

Gesetzgebung aktuell

Vor dem Hintergrund des Mangels an Spenderorganen in Deutschland wurde Anfang 2020 der „Gesetzentwurf zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft“ vom Bundestag verabschiedet. Das Gesetz, auch bekannt als „Erweiterte Zustimmungslösung“, sieht vor, dass Bürgerinnen und Bürger von Hausärzten oder in Bürgerämtern regelmäßig gefragt werden, ob sie im Todesfall zur Organspende bereit wären. Außerdem sollen sie zu einem Eintrag in einem demnächst entstehenden Online-Register ermutigt werden.

Abgelehnt wurde dagegen die sogenannte „Widerspruchslösung“. Sie hätte vorgesehen, dass jede Person, die zu Lebzeiten keinen Widerspruch eingelegt hat, nach dem Tod als potenzieller Organspender gilt.

Interview mit Dr. Wolfgang Bieser, ärztlicher Leiter des MVZ Saarbrücken

Wie viele Transplantations-Patienten behandeln Sie in Ihrer Praxis jährlich? 

Wir haben in der Regel 50 bis 60 Patienten konstant in Betreuung, über viele Jahre hinweg. Von etwa 150 bis 200, die Dialyse bekommen, sind diese 50 bis 60 im Lauf der Jahre transplantiert worden. Die jährliche Anzahl an Transplantationen schwankt erheblich, manchmal sind es zwei pro Jahr, manchmal zehn. Doch was unsere Arbeit leitet, sind nicht die Zahlen, sondern vielmehr die Idee einer individuellen Behandlung nach den Wünschen und Sorgen des jeweiligen Patienten. 

Welche Rolle spielt dabei das persönliche Gespräch? 

Das spielt eine zentrale Rolle, wie bei allen chronisch kranken Menschen. Das Vertrauen, das sich dabei entwickelt, ist grundlegend. Neben dem Austausch über die ganz normalen Probleme versuche ich als Arzt, auch die unausgesprochenen Wünsche und Gedanken der Patienten herauszufinden und in Worte zu fassen. Das ist oft schwierig, aber es erleichtert das Gemüt der Patienten ungemein – sind es doch oft Gefühle und Gedanken, die sie selbst nicht ausdrücken können, die sie aber belasten.

Inwiefern ist Ihre Praxis eingebunden, wenn es tatsächlich zur Organspende kommt? 

Sind die Patienten auf der Spendenliste und bekommen ein Angebot, halten wir in der Regel telefonischen Kontakt. Bisweilen erfolgt ein Angebot gerade dann, wenn ein Patient bei uns im Dialysezentrum ist. Das ist aber ein seltener Zufall.

Wie stark sind Sie in die Nachsorge eingebunden?

Im ersten Jahr nach der Transplantation kommen die Patienten jeden Monat zu mir, teils auch im Wechsel mit der Ambulanz des Transplantationszentrums. Danach gehen wir auf ein zweimonatiges Intervall über. Meistens sprechen wir 15 Minuten, bei den Terminen mit Ultraschalluntersuchung räumen wir 30 Minuten ein. Der Austausch hat immer den Charakter einer Beratung. Wir sprechen über das Befinden, die medizinischen Daten und die Prognose. Der Bedarf an Beratung ist sehr unterschiedlich.