Schmerztherapie bei ambulanten Operationen

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Schmerzen müssen nicht sein

„Get your kicks on Route 66“ summen Hinrich Brek und Dr. Karl-Heinz Gnutzmann noch zusammen, dann schlummert Brek auf dem OP-Tisch der Praxisklinik Kronshagen ein.

Guter klassischer Rock’n’Roll der Rolling Stones und eine Tour mit seiner Harley, davon träumt der 64-Jährige jetzt vielleicht. Die kleine Pumpe jedoch, die nach dem Eingriff 50 Stunden lang für eine gleichmäßige Abgabe von Schmerzmittel in seine rechte Schulter sorgen wird, gehört zum Instrumentarium modernen Schmerzmanagements. Anästhesist Gnutzmann setzt die Easypump seit knapp zehn Jahren ein.

„In meiner Schulter scheuert was. Das tut richtig weh“, hat der leidenschaftliche Motorradfahrer heute Morgen noch erzählt. Nun hofft er auf Besserung durch die Operation. Relativ bald nach der Diagnose Schulterengpass-Syndrom sei für ihn klar gewesen: „Ich lass‘ das operieren.“ Und nicht nur das: Ein Bekannter hatte Hinrich Brek darüber berichtet, wie der gleiche Eingriff bei ihm abgelaufen war. „Alles ging gut. Aber mein Freund ist noch am Abend nach der ambulanten OP nach Hause gefahren und hatte heftige Schmerzen.“

Das soll Hinrich Brek nicht passieren. Im Vorgespräch mit Dr. Gnutzmann hat er sich entschieden, eine Nacht in der Praxisklinik zu bleiben und sich eine Pumpe für die Schmerzmittelgabe anlegen zu lassen. „Was soll ich mich quälen?“, habe er sich gedacht. Auch wenn die Kosten für die Übernachtung auf seine Rechnung gehen, weil sie von der Krankenkasse nicht übernommen werden.

Schon auf dem OP-Tisch liegend schnackt er mit dem Anästhesisten noch ein bisschen auf Plattdeutsch über sein „Eisenschwein aus Milwaukee“. Schon ist er eingeschlafen. „Manche träumen die Geschichte, über die wir beim Einleiten der Narkose sprechen, wirklich weiter“, erzählt der Facharzt für Anästhesie, während er seinem Patienten den Tubus für die Beatmung legt.

Inzwischen ist auch Dr. Matthias Zimmermann, Facharzt für Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie, im OP eingetroffen. Gemeinsam mit Anästhesiepfleger Robert Krenz und der OP-Schwester Nicole lagert er den Patienten auf die linke Seite um, der rechte Arm wird vom Körper abgespreizt aufgehängt. „Eine reine Regionalanästhesie reicht hier nicht aus, weil der physische Zug auf den Arm so stark ist“, erläutert Gnutzmann, „deswegen geschieht der Eingriff in Vollnarkose“. Die Schmerztherapie hat er schon vor der OP mit dem „Klassiker“ Ibuprofen begonnen, die er Brek in Tablettenform gab. „Wir wollen dem Schmerz immer einen Schritt voraus sein“, erklärt er. Während der Narkose laufe die Gabe von Novalgin mit. „Das ist recht einfach zu organisieren.“

Unterdessen beginnt der Chirurg mit der Arthroskopie des Schultergelenkes von Hinrich Brek. Auf dem Bildschirm über dem OP-Tisch sind die Veränderungen unterhalb des Schulterdaches zu erkennen: verdicktes Gewebe, die Kante des Schulterblattes hat Gewebe kaputt gescheuert, der Schleimbeutel ist entzündet. „Ein klassisches Bild bei Patienten zwischen 40 und 60 Jahren mit Beschwerden im Schultergelenk wegen eines Impingement- Syndroms“, konstatiert Zimmermann, während er überflüssiges und zerstörtes Gewebe endoskopisch entfernt. Schwester Nicole „flusht“, setzt Spülen und Absaugen des Gewebes in Gang. Kurzzeitig steigt der Blutdruck des Patienten ein wenig. Der Operateur wirft dem Anästhesisten einen Blick zu und sagt nur kurz „Kalle“. Und Karl-Heinz Gnutzmann reguliert den Blutdruck auf systolisch 100 bis 110. „Das ist optimal, damit es nicht so stark blutet“, erläutert er.

Inzwischen hat der Chirurg den Schlüsselbeinknochen so weit abgeschliffen, dass nichts mehr scheuert. Er näht die Einstichlöcher für die endoskopischen Instrumente zu und verlässt nach 40 Minuten den Saal. Jetzt ist „Kalle“ wieder dran. Während Anästhesiepfleger Robert die Ausleitung der Narkose überwacht, markiert Gnutzmann über dem rechten Schulterblatt des Patienten mit einem Edding- Stift „Landmarken“. Schließlich setzt er einen 0,85 Millimeter feinen Katheter in die obere Grätengrube (Fossa supraspinata) in etwa vier Zentimeter Tiefe. Dann gibt er etwa 30 Milliliter Schmerzmittel in die Grube um den Hauptnerv hinein. „Das Schmerzmittel wirkt sofort und direkt für die nächsten vier bis sechs Stunden am Nervus suprascapularis“, beschreibt er den Vorteil der Leitungsanästhesie, hier der Blockade des Überschulterblatt-Nervs. Jetzt bleibt also ausreichend Zeit, im OP noch den Zugang für die Schmerzmittelpumpe zu legen und mit transparentem Pflaster zu fixieren.

„Gutes Timing ist es, wenn der Patient dann wach wird, wenn wir mit dem Katheterlegen fertig sind“, erläutert Gnutzmann. Hinrich Brek murmelt vor sich hin, er rollt wohl noch ein bisschen den Highway 66 entlang. Währenddessen wird Pfleger Robert im Nachbarraum sportlich: Zwei Beutel mit je 200 Millilitern Ropivacain und eine große 50-Milliliter-Spritze liegen bereit, um den elastomeren Ballon der Schmerzpumpe damit zu füllen. Achtmal zieht er die Spritze auf und presst die Flüssigkeit mit einigem Kraftaufwand in die Easypump. Dafür braucht er einige Minuten Zeit. Dann ist das Infusionsgerät fertig zum Einsatz. Etwa zwei Stunden nach Ende des Eingriffs ist Hinrich Brek schon wieder munter. „Mir tut nichts weh“, stellt er im Aufwachraum erleichtert fest. Gnutzmann und Pfleger Robert schließen mit einem Klick die Zuleitung der Easypump an den im OP gelegten Katheter. Damit ist für eine kontinuierliche Versorgung mit dem Schmerzmittel gesorgt. Das Steuerungselement regelt über die Hauttemperatur den Durchfluss. Brek freut sich erst einmal auf eine erholsame Nacht oben auf der Bettenstation der Praxisklinik. Vielleicht geht seine Traumreise quer durch die USA dann ja weiter!

Von Irene Graefe