Telemedizin

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Am Ende steht eine bessere Patientenversorgung

Fachkräftemangel auf der einen und die Ansprüche einer immer älter werdenden Gesellschaft auf der anderen Seite: Um die Behandlungsqualität in Zukunft sicherzustellen, braucht es innovative Versorgungsansätze.

Dazu zählt auch die Telemedizin. Der Aachener Anästhesist und Intensivmediziner Professor Gernot Marx, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed), spricht mit nahdran über die Bedeutung der Telemedizin in Deutschland.

Herr Professor Marx, warum brauchen wir Telemedizin in Deutschland?

Mit Telemedizin erreichen wir sinnvolle Lösungen für die epidemiologischen Herausforderung unserer Zeit. Überall wo Sie weniger Experten haben als Bedarf und zeitnah – nicht im Rahmen von Minuten aber doch von halben Stunden – richtige Entscheidungen zu treffen sind, da ist Telemedizin effektiv.

Wie weit sind wir in den Möglichkeiten der Telemedizin?

Die Bundesregierung hat sehr viel angestoßen. Da gibt es die digitale Agenda und die Nationale IT-Gipfel-Initiative, die gemeinsam mit der Wissenschaft und der Wirtschaft die Dinge vorantreibt. Außerdem haben wir das E-Health-Gesetz, mit dem das Thema nicht nur in die Öffentlichkeit gerückt wurde, sondern das trotz vereinzelter Kritik daran auch wichtige und richtige Schritte initiiert hat. Allerdings existieren hierzulande zwei große Hürden: Die Überführung von Projekten in die Regelversorgung, sprich die Finanzierung, und die nicht vorhandene Interoperabilität. Hinzu kommen die juristischen und technischen Schwierigkeiten, zum Beispiel der lückenhafte Breitbandausbau.
Die Medizininformatik schafft die Grundlagen dafür, dass wir untereinander kommunizieren und Daten austauschen können. Deshalb ist das Förderkonzept Medizininformatik des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) so wichtig. Hier sprechen Mediziner, Medizininformatiker, Krankenhaus- IT-Experten und Big Data-Forscher miteinander und lernen, sich zu verstehen. Datenschutz oder besser gesagt Datensouveränität ist wichtig, aber es darf nicht sein, dass damit eine vernetzte, gute Patientenversorgung verhindert wird. Wir brauchen eine nationale Vereinbarung, wie wir mit Daten umgehen wollen, basierend auf der neuen EU-Datenschutzgrundv

Wird es wie in Dänemark eine elektronische Patientenakte geben?

Was die elektronische Patientenakte angeht, gibt es mehrere Initiativen aus verschiedenen Bundesländern. Es geht am Ende des Tages darum, Standards zu definieren. Ich weiß nicht, ob wir nur eine Akte benötigen. Ein schönes Beispiel ist für mich immer der Mobilfunk: Egal ob Provider eins oder zwei, wir können trotzdem untereinander kommunizieren.

Wo ist Telemedizin heute schon erfolgreich im Einsatz und wird finanziert?

Im Bereich der Schlaganfallversorgung gibt es bereits Abrechnungscodes. Allerdings ist das bisher die Ausnahme. In der Modellregion Aachen haben wir in der Intensiv- und Notfallmedizin Übergangslösungen, die mitfinanziert werden. Es sind regionale Vereinbarungen ohne Abrechnungscodes, die sich nicht auf andere Gebiete übertragen lassen. Durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses werden sich die Möglichkeiten aber deutlich erweitern, weil erfolgreiche Projekte in die Regelversorgung überführt werden sollen. Darin liegt eine sehr große Chance.

Stichwort Innovationsfonds: Können Sie etwas zu Ihrem Projekt sagen?

Es ist eine große Freude, große Ehre, aber auch große Verpflichtung: Die Universitätskliniken von Aachen und Münster untersuchen mit 17 weiteren Krankenhäusern und über 130 Arztpraxen, ob Telemedizin im Bereich der Infektiologie und Intensivmedizin funktioniert und einen echten Patientennutzen induziert. Erfasst werden etwa 40 000 Patienten nach einem international anerkannten Studiendesign. Das Ganze basiert auf einer Pilotstudie, die wir hier in Aachen durchgeführt haben. Mit der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin haben wir speziell für den Bereich Telemedizin in der Intensivmedizin bereits die Strukturvoraussetzungen und Qualitätsvorgaben erarbeitet. Es gibt seit 2016 diese Vorgaben als AWMF-Leitlinien, in denen sind Technik, Personal, Indikationen und die wichtigsten Outcomeparameter definiert.

Können Sie uns das Projekt erklären?

Es gibt in Deutschland nur etwa 300 Infektiologen. Das sind viel zu wenig, um beispielsweise die in 2015 veröffentlichte S3-Leitlinie zur Antibiotikatherapie umzusetzen. Bis dato sind diese Experten durch die Lande gefahren oder haben telefoniert. Aber wir wissen aus Großuntersuchungen in den USA, wir brauchen eben nicht nur das Telefon, sondern müssen den Patienten sehen und alle Daten auf einen Blick haben. Nur dann können wir fundiert beraten und Entscheidungen treffen. Deshalb absolvieren unsere Ärzte jeden Tag eine Stunde Televisite mit jedem der angeschlossenen Krankenhäuser. Die Technik ist so ausgereift, nur dass wir den Patienten nicht anfassen können. Wir schauen ihn uns gemeinsam an und beraten, ob und wie antiinfektiv therapiert oder eventuell weiterführende Spezialdiagnostik gemacht werden muss. Wir in der Uniklinik können immer einen Spezialisten fragen, das gibt es in der Peripherie aber nicht.

Müssen Sie damit als Uniklinik und Zentrum nicht viel mehr Personal vorhalten?

Rein rechnerisch müssen Sie sich das vorstellen wie eine eigene Station. Sie brauchen einen Stab von Experten mit der Zusatzqualifikation Intensivmedizin sowie fünf bis 15 Jahren Berufserfahrung in der speziellen Intensivmedizin, um das anbieten zu können. Und das haben eben nicht viele Standorte.

Muss ich mir Ihre telemedizinische Station wie die Enterprise vorstellen?

Nein, meine Oberärzte sind natürlich in den normalen Klinikalltag eingebunden und versorgen primär die 103 Betten der eigenen Klinik.

Fliegen Sie auch raus mit dem Hubschrauber, um Patienten zu versorgen?

Das geht in beide Richtungen. Wir können zum Beispiel manchmal Patienten nach größeren Herzoperationen schneller in die Peripherie verlegen, weil wir die Patienten und ihre OP-Wunden noch mit betreuen können. Andererseits holen wir sehr kritische Patienten, zum Beispiel Menschen mit Lungenversagen, auch zu uns. Insgesamt ist das ein lebendiges Qualitätsnetzwerk.

Ich könnte mir vorstellen, dass es entspannt, wenn ich weiß, ich kann jederzeit einen Experten hinzuziehen …

Gerade bei komplexen Fällen gab es früher Diskussionen, ob die Patienten nicht vielleicht aus Vorsichtsgründen an die Uniklinik verlegt werden können. Diese Diskussionen haben wir heute nicht mehr, denn der Patient ist schon Teil des Universitätskliniknetzwerks und wir können sehr viel gezielter Patienten übernehmen, die wirklich profitieren.

Ist das die Telematikinfrastruktur der Zukunft?

Wir als Uniklinik stellen unabhängig von Zeit und Raum unseren Kollegen im Land medizinische Expertise zur Verfügung und werden gemeinsam kompetenter — das ist Telemedizin. Der distante Blick auf ein Problem oder einen Patienten ist hoch effektiv. Und gemeinsam hat man auch eine höhere Adhärenz zu Leitlinien.

Ohne Innovationen keine Telemedizin – wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit der Industrie?

Als Mediziner möchte ich in der Zukunft Patienten noch besser behandeln und dafür brauche ich andere Produkte als heute. Wenn es Innovationen nur von der ausführenden Medizin geben würde, dann würden wir Anschlagphänomene registrieren müssen. Die Industrie muss unsere Bedürfnisse kennenlernen. Dafür braucht sie Praxisnähe. Nur so bekommen wir Produkte, die wir benötigen. Wichtig ist, dass der Austausch transparent ist.

Den Kritikern zum Trotz: Ist bundesweiter Datenaustausch mehr als eine Vision?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit der BMBF-Initiative das Interoperabilitätsproblem bewältigen können. Dann entwickeln wir uns von der Telemedizin in Richtung digitale Medizin. Wir werden in zehn Jahren Dinge erleben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Und am Ende werden wir eine bessere und viel individuellere Patientenversorgung haben als jetzt. Davon bin ich überzeugt.

Das Interview führte Andrea Thöne

20 Millionen für Telemedizinnetzwerk in Aachen und Münster

Professor Gernot Marx

TIM, TemRas und TIRA: Die Abkürzungen der Forschungsprojekte des 2009 gegründeten Zentrums für Telemedizin an der RWTH Aachen sind kryptisch, doch dahinter verbergen sich durchdachte neue Versorgungsansätze für die Notfallversorgung, Sepsisprävention und Rehabilitation. Professor Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care, ist Vorreiter auf dem Gebiet der Telemedizin. Mit dem vom Land Nordrhein Westfalen geförderten Projekt „Telematik in der Intensivmedizin“ (TIM) konnte Marx zeigen, dass der Einsatz von Telemedizin die Sterblichkeitsrate bei Sepsis um mehr als 25 Prozent senkt.

Der Anästhesist wurde 2016 zum Vorstandsvorsitzenden der Gesellschaft für Telemedizin gewählt. Mit dem über den Innovationsfonds möglich gewordenen Projekt TELnet@NRW möchte Marx in den nächsten drei Jahren belegen, dass ein telemedizinisches sektorenübergreifendes Netzwerk in der Intensivmedizin und der Infektiologie eine bessere medizinische Versorgung sicherstellt. Dem Projekt haben sich alle Krankenkassen in NRW angeschlossen. Die entstehende Telematikplattform soll im Anschluss modular erweitert und auch in anderen Fachgebieten genutzt werden können „Es geht uns nicht darum, tolle Computer stehen zu haben, sondern am Ende des Tages muss es dem Patienten besser gehen“, beschreibt Marx seine Hoffnungen zum Projektstart.

„Wenn wir jetzt einmal zeigen können, dass das funktioniert, dann ist das in andere Bereiche übertragbar und gelangt in die Regelfinanzierung.“

– Professor Gernot Marx, Anästhesist und Intensivmediziner

Mittlerweile bestehen rund 290 Telemedizininitiativen in Deutschland, die als innovative Projektideen Lösungsansätze für aktuelle gesundheitswirtschaftliche Probleme liefern.