Interview Ein Betroffener erzählt

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„Ich dachte: Das schaffst du nie!“

Erfahrungsbericht eines Patienten

Für viele Menschen ist die Diagnose Harnkontinenzstörung oft ein Schock, verbunden mit der Angst, nicht mehr richtig am Leben teilnehmen zu können. Hier erzählt ein Betroffener, wie er auf die Diagnose reagiert hat und wie er es geschafft hat, trotz dieser Krankheit ein ganz normales Leben zu führen.

Wie kam es zu Ihrer Erkrankung?

Alles fing mit häufigen Harnwegs- und Blasenentzündungen an. Dann kam eine Überlaufblase dazu. Mein Arzt riet mir zu regelmäßigem Blasentraining, damit die Blase wieder kleiner wird. Aber das war alles nicht so einfach und hat nicht richtig funktioniert.

Das heißt, Sie können Ihre Blase nicht mehr auf natürlichem Weg entleeren?

Nicht ganz. Es bleibt immer zu viel Restharn in der Blase, sodass es auf Dauer für die Nieren gefährlich wird, wenn ich nichts dagegen unternehme.

Sie haben also in der Klinik erfahren, dass Sie sich katheterisieren müssen?

Ja.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Also im ersten Moment wusste ich gar nicht, wie ich mit dieser Nachricht umgehen soll. Ich war erschrocken und hatte Panik. Dann habe ich mich gefragt wie ich das meiner Familie beibringen soll und wie diese damit klarkommen wird. Ich dachte: Das wirst du nie im Leben schaffen. Und dann kam noch die Angst vor Schmerzen beim Katheterisieren dazu.

Und wie haben Sie diese Angst überwunden?

Ich habe mir gedacht: Du musst da durch, egal wie. Du musst es ausprobieren, nicht, dass es noch schlimmer kommt und die Nieren kaputtgehen. Du musst einfach die Angst überwinden und vor allen Dingen musst du Ruhe bewahren. Und ich musste eine Methode finden, die für mich am besten war.

Es gibt da ja mehrere Methoden beim Katheterisieren. Man kann es im Sitzen, Liegen oder Stehen machen. Ich habe es zuerst im Stehen probiert, wobei die Harnröhre nicht abgeknickt wird. Ich stand also vor der Toilette und habe geübt und war erst mal total verzweifelt, weil es nicht klappte. Der Katheter rutschte immer ab, ich habe Panik bekommen und mir gedacht, dass ich das nie schaffen werde. Schließlich hat es doch noch funktioniert. Später bin ich zu der anderen Methode im Sitzen übergegangen. Sehr wichtig bei der ganzen Sache ist, dass das Umfeld stimmt.

Sie mussten also sowohl Ihre eigenen inneren Hemmungen überwinden als auch die Hemmungen gegenüber Ihren Angehörigen?

Ja, das hat sehr lange gedauert, um überhaupt darüber reden zu können. Ich habe mich geschämt und verschlossen. Meine Familie hat das aber akzeptiert.

Ist es schwierig, das Katheterisieren zu erlernen? Und wie lange hat es gedauert, bis Sie sicher damit zurechtkamen?

Man tut sich am Anfang schon etwas schwer, weil man unsicher ist und Angst hat, dass man etwas falsch macht. Dann rutscht der Katheter oft ab und man muss einen neuen nehmen. Aber das kriegt man irgendwann auch in den Griff. Es dauert seine Zeit. Und je häufiger man das macht und auch gezeigt bekommt, umso mehr Routine bekommt man.

Wie oft katheterisieren Sie sich durchschnittlich am Tag?

Fünf- bis sechsmal am Tag.

Und wie fühlt es sich an, einen Katheter zu benutzen?

Wenn man es kann, geht es eigentlich sehr leicht.

Woher wissen Sie denn, dass es jetzt Zeit ist, sich zu kathetern?

Ich kathetere alle vier Stunden. Und wenn ich merke, dass die Blase einen Überdruck bekommt. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wann es so weit ist.

Gab es in der Vergangenheit schon mal Probleme oder Komplikationen?

Eigentlich nicht.

Welche Vorteile sehen Sie für sich persönlich in der Anwendung des Selbstkatheterismus?

Dass ich mir die Zeit einteilen kann. Wenn ich bereits zuhause kathetert habe, dann habe ich unterwegs erst einmal meine Ruhe und kann ohne Unterbrechung meinen Beruf ausüben. Außerdem fällt es nicht auf. Wenn es ein Fremder nicht wissen soll, dann bekommt er davon auch nichts mit.

Woher beziehen Sie die erforderlichen Materialien, wie zum Beispiel die Katheter?

Ich beziehe sie aus dem Fachhandel, das geht reibungslos.

Gibt es noch etwas, was Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben möchten?

Ja. Sie sollen Ruhe bewahren und sich sagen, dass es Schlimmeres gibt. Und das Allerwichtigste ist es, die Familie mit einzubeziehen. Das gibt Rückhalt und stärkt das Selbstvertrauen. Außerdem macht es Mut, wenn die Familie sagt: Komm, das schaffst du!