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Dosierungsfehler in der Pädiatrie
Je leichter die Patient*innen, desto schwerer können Medikationsfehler ins Gewicht fallen.
Deshalb haben Dosierungsfehler bei Kindern, Säuglingen sowie Früh- und Neugeborenen eine besondere Tragweite.
Neonatologische und pädiatrische Patient*innen verfügen über eine deutlich geringere physiologische Reserve als Erwachsene. Eine fehlerhafte Dosierung, die bei Erwachsenen möglicherweise kaum Auswirkungen hat, kann bei unseren kleinsten Patient*innen schnell lebensbedrohlich sein.
Das betrifft nicht nur Überdosierung, sondern auch Unterdosierung – ein oft vernachlässigter und unterschätzter Dosierungsfehler bei Kindern.
Ein wesentlicher Faktor bei Unterdosierungen ist das, was in der Fachliteratur als "Totraumvolumen" oder „Restvolumen“ bezeichnet wird.
Beide Begriffe beschreiben dasselbe Phänomen: das (variierende) Volumen eines Medikaments, das nach Abschluss der Infusion im Infusionssystem zurückbleibt (folglich Restvolumen genannt).
Wird keine Maßnahme ergriffen, um sicherzustellen, dass dieses Volumen ebenfalls verabreicht wird, erhält der Patient nicht die vollständige verschriebene Dosis. Mögliche Folgen sind ungenügende Wirksamkeit oder die Entwicklung von Resistenzen.
Studien belegen, dass sich Unterdosierung bei Kindern am besten durch die folgenden Maßnahmen vermeiden lässt:
Sei es Über- oder Unterdosierung – in der Pädiatrie gilt es, jede denkbare Maßnahme zu ergreifen, um Dosierungsfehler zu vermeiden.
Dosierungsfehler sind die häufigste Form von Medikationsfehlern bei Kindern.1, 2
Ein Medikationsfehler kann während der Verordnung, der Zubereitung oder der Verabreichung eines Arzneimittels auftreten. Er wird übrigens auch dann als Fehler definiert, wenn er nicht zu nachteiligen Folgen führt.3, 4
Die Pädiatrie ist besonders anfällig für Medikationsfehler.
Kinder, Kleinkinder und Säuglinge unterscheiden sich stark in Größe und Gewicht und müssen daher individuell dosiert werden. Orientierung geben Parameter wie Alter, Körpergewicht oder Körperoberfläche.
Die exakte Dosierung erfordert oftmals wiederholte Verdünnungen, Umrechnungen und manuelle Eingriffe in die Zubereitung. Das birgt Fehlerquellen.
Darüber hinaus führen gerade bei Neugeborenen rasche Gewichtsschwankungen zu einem häufigen Anpassungsbedarf der Dosierung.5
Hinzu kommt, dass das medizinische Personal unter Umständen nicht mit der Behandlung dieser Altersgruppe vertraut ist.
Auch sind geeignete Darreichungsformen nicht immer verfügbar.6
Was Studien sagen
Eine der häufigsten Ursachen für Unterdosierung ist die unvollständige Abgabe des Behälterinhalts:
Bei 50 ml Infusionen können bis zu 32,2 % des Wirkstoffs in der Infusionsleitung zurückbleiben.8, 9
50 ml intravenös verabreichte Antibiotika können dadurch um bis zu 50 % unterdosiert werden.10
In der Pädiatrie und Neonatologie treten die meisten Fehler während der Zubereitung und Verabreichung von Medikamenten auf. Dosierungsfehler – also Über- UND Unterdosierungen – sind die am häufigsten gemeldete Fehlerkategorie.1, 2
Wie bereits erwähnt, kann eine Unterdosierung auf das sogenannte Restvolumen zurückzuführen sein.11
Dieses Volumen kann stark variieren – abhängig vom verwendeten Infusionssystem, der Länge und dem Durchmesser der Infusionsleitungen sowie dem Einsatz von Verteilern (z. B. Y-Verbinder).
Gerade bei kleinen Wirkstoffmengen und der Anwendung langsamer, konzentrierter Infusionen kann dies zu erheblichen Verzögerungen in der Wirkstoffverabreichung führen.11
Fachleute weisen darauf hin, dass die Bedeutung des Restvolumens in Infusionsflaschen und -systemen bislang nicht ausreichend erkannt wird.12
Wie viel Wirkstoff tatsächlich verloren geht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Hier sind einige Informationen zu Dosierungsfehlern in der Pädiatrie und ihren Quellen:
Darüber hinaus gibt es das Problem der Wirkstoffzufuhr: Langsam fließende, schmale Infusionsleitungen – wie sie in der Neonatologie verwendet werden – können die Zeit erheblich verlängern, bis der Wirkstoff die Patient*innen erreicht.13
In einer experimentellen Studie dauerte es anderthalb Minuten, bis das Medikament allein über einen Katheter den simulierten Säugling erreichte; mit Verlängerungsschlauch waren es sieben Minuten.11
Gesundheitliche Folgen von Dosierungsfehlern in der Pädiatrie und Neonatologie
Die gesundheitlichen Folgen einer Unterdosierung hängen nicht nur von der Menge des verlorenen Wirkstoffs ab, sondern auch von dem jeweiligen Medikament.
Bei Medikamenten mit einem breiten therapeutischen Index kann selbst ein Verlust von etwa 10 % der Wirkstoffmenge folgenlos bleiben.
Bei Arzneimitteln mit einem engen therapeutischen Index hingegen kann eine Unterdosierung bei Kindern ernste Konsequenzen haben – darunter unzureichende Behandlung, Therapieversagen, Krankheitsprogression sowie die Entwicklung von Resistenzen, insbesondere bei Antibiotika und Zytostatika.12
Therapeutischer Index:
Der therapeutische Index beschreibt die Spanne zwischen der minimalen Dosis (also der geringsten noch wirksamen Menge eines Wirkstoffs) und der maximalen Dosis, die verabreicht werden kann, ohne ein Gesundheitsrisiko zu verursachen.
Restvolumina in IV-Systemen können auch dann schwerwiegende Folgen haben, wenn die nachfolgende Infusion mit einer höheren Flussrate erfolgt – denn in diesem Fall wird das Restvolumen als Bolus verabreicht.
Enthält die nachfolgende Infusion ein Arzneimittel, das mit dem vorhergehenden nicht kompatibel ist, kann es zudem zur Ausfällung / Präzipitation kommen.14
Finanzielle Folgen von Medikationsfehlern
Spezifische Studien zu den finanziellen Folgen von Unterdosierung liegen nach unserem Kenntnisstand bislang nicht vor. Es ist jedoch naheliegend, dass die zuvor genannten klinischen Konsequenzen – wie unzureichende Behandlung, Therapieversagen oder Resistenzentwicklungen – auch ökonomische Auswirkungen haben: Sie können den Therapiebedarf verlängern oder intensivieren und somit zu längeren Krankenhausaufenthalten führen. Dies wiederum erhöht die Gesamtkosten der Behandlung deutlich.
Setzen Sie höhere Infusionsvolumina grundsätzlich nur bei Patient*innen ohne Flüssigkeitsrestriktion ein.
Bei kritisch kranken oder pädiatrischen Patient*innen sind sie aufgrund des Risikos einer Volumenüberlastung ungeeignet bzw. nicht praktikabel.¹⁴
1. Miller RM et al, Qual Saf Health Care 2007;16:116-126.
2. Cowley E et al, Curr Ther Res Clin Ex 2001, doi: 10.1016/W0011-393(01)80069-2.
3. James JT, J Patient Saf 2013;9:122-128.
4. Valentin A et al, Intensive Care Med 2006;32:1591-1598.
5. Conroy S et al, Drug Saf 2007;30:1111-1125.
6. Neuspiel DR et al, Health Serv Insights 2013;6:47-59.
7. Zakharov S et al, Ups J Med Sci 2012;117:309-317.
8. Plagge H et al, Pharma Publishing and Media Europe 2010;16:31-37.
9. Federal Institute of Drugs and Medicinal Devices 2015; The Forgotten Residue: Dead Volumes of Short-term Infusions, Pub. No. 2.
11. Gregerson BG et al, Proc Bayl Univ Med Cent 2018;31(2):168-170.
12. Lilienthal N, The Forgotten Residue, Federal Institute of Drugs and Medicinal Devices (BfArM).
13. Lala AC et al, Journal of Paediatrics and Child Health 2015;51:478-481.
14. Mitteilung Deutsches Ärzteblatt 2017;114:40,1835-1836.
15. Conn R et al, the Pharmaceutical Journal 2018, https://pharmaceutical-journal.com/article/ld/prescribing-errors-in-children-why-they-happen-and-how-to-prevent-them.
16. Physician Insurers Association of America. Medication Errors Symposium White Papers. Washington, DC: Physician Insurers Association of America; 2000.
17. Kohn L et al, (2000) To Err Is Human: Building a Safer Health System. Washington, DC: Committee on Quality of Health Care in America, Institute of Medicine. National Academies Press, ISBN: 9780309068376.
18. Walsh EK et al, Pharmacoepidemiol Drug Saf 2017;26(5):481-497.
19. Pinilla J et al, The European Journal of Health Economics 7(1):66-71.
20. WHO (2013): Hospital Care for Children. Guidelines for the Management of Common Childhood Illnesses. 2nd edition, Geneva.